TV-Kritik zu Anne Will

„Wir dürfen jetzt nicht zu mutig sein“

Autor: 
Carola Fuchs
Lesezeit 5 Minuten
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17. Mai 2021
Anne Will hat Corona als Dauerthema in ihrem Sonntagabendtalk.

Anne Will hat Corona als Dauerthema in ihrem Sonntagabendtalk. ©Foto: NDR/Wolfgang Borrs

Die Inzidenzen sinken, die Temperaturen steigen – und einzelne Bundesländer lockern ihre Corona-Schutzmaßnahmen wieder. „Sind wir aus dem Gröbsten raus?“, fragte Anne Will in ihrem Sonntagabendtalk im Ersten ihre Gäste: „Beginnt jetzt die große Leichtigkeit oder der große Leichtsinn?“

Stuttgart - Corona macht müde. Seit über einem Jahr redet man über Inzidenzen, R-Werte und Viruslasten wie früher über die Fußballbundesliga oder Urlaubspläne. Auch bei Anne Will geht es um nichts anderes, in diesem Jahr hat es lediglich die Wahl in Baden-Württemberg geschafft, die Pandemie als Talkthema zu verdrängen. Die Inzidenzen sinken, deutschlandweit liege der Wert bei 83 Neuinfektionen je 100 000 Einwohnern in den vergangenen sieben Tagen: „Beginnt jetzt die große Leichtigkeit oder der große Leichtsinn?“, das diskutierte Anne Will mit ihren Gästen – eine Debatte, der die große Leichtigkeit fehlte: Es ging eher ein bisschen lahm zu.

Geladen waren Hamburgs Ersten Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD), Wolfgang Kubicki (FDP) und Dietmar Bartsch (Linke) sowie Ingrid Hartges, die Hauptgeschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes und die Ärztin und Medizinbloggerin Carola Holzner. Tschentscher und Holzner warnten vor zu schnellen Lockerungen, Hartges als Vertreterin der gebeutelten Gastrobranche und Kubicki warben für Öffnungen – und Bartsch forderte, endlich „den Impfturbo zu zünden“.

Carola Holzner: Wir müssen Kontakte minimieren

„Die Impfungen haben Fahrt aufgenommen, das macht Mut“, sagte Holzner, leitende Oberärztin an der Essener Uniklinik. „Aber wir dürfen jetzt nicht zu mutig sein.“ Die indische Variante des Coronavirus sei auf dem Vormarsch, warnte sie, und diese Variante sei viel ansteckender als das Original – und die Impfung dagegen nicht so wirksam. „Wir kriegen das Virus nur in den Griff, wenn wir die Mobilität einschränken und Kontakte minimieren.“ Im Ruhrgebiet habe man teils noch recht hohe Inzidenzen. „Wenn die alle auf die Idee kommen jetzt lustig durch die Gegen zu fahren, dann verteilen wir das bloß wieder.“ Da nützten auch die Antigentests wenig. Laut einer Studie der Uniklinik Essen bleibt einer von fünf Infizierten, der bereits ansteckend für andere ist, durch diese Schnelltests unentdeckt. „Nur PCR-Tests sind sicher“, sagte die Ärztin. Holzners Konsequenz: „Für mich fällt der Urlaub aus.“

Peter Tschentscher: Die Ausgangssperre hat gewirkt

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Auch Peter Tschentscher, laut Anne Will „der Vorsitzende des Teams Vorsicht“, riet zur Zurückhaltung. Die Ausgangsbeschränkungen hätten sich als sehr wirkungsvoll erwiesen. In seiner Stadt, der zweitgrößten in der Bundesrepublik, ist die Inzidenz mittlerweile auf unter 50 gesunken. „Wir können jetzt erste Schritte in Richtung Lockerung gehen“, sagte der Sozialdemokrat, der selbst habilitierter Mediziner ist. „Aber wir müssen sehen, dass Infektionsgeschehen niedrig bleibt.“ Der Blick auf die niedrige Inzidenz und einen niedrigen R-Faktor, der anzeigt, wie viele Personen durch einen Infizierten angesteckt werden, blieb für Tschentscher deshalb entscheidend, in der Frage, wann man Grundrechte zurückgeben könne.

Dehoga-Chefin: Wir brauchen eine Perspektive

Ingrid Hartges brachte das zur Verzweiflung. Dass Deutsche Urlaub machen dürfen auf Mallorca, in Österreich, Südtirol oder in der Schweiz, aber nicht im Allgäu, „das ist doch irre“, sagte die Dehoga-Chefin. „Meine Branche ist seit neun Monaten geschlossen. Wir brauchen eine Perspektive.“ Im Februar betrug der Umsatzverlust in der Gastronomie gegenüber dem Vorjahr 61,7 Prozent, bei den Hotels waren es sogar 81,9 Prozent. Hartges verwies auf Schleswig-Holstein, wo die Außengastronomie wieder geöffnet und touristische Übernachtungen wieder möglich sind – und die Inzidenzen trotzdem sinken. Die Gastronomie- und Hotelbetriebe hätten eine Vielzahl von Hygiene- und Schutzmaßnahmen umgesetzt, die die berühmten AHA-Regeln umsetzten. Hinzu kämen jetzt noch die drei G: „Geimpft, genesen, getestet“ – das müsse reichen für Lockerungen, meinte Hartges. „Es geht nicht um Öffnung um jeden Preis, es geht um verantwortungsbewusstes Öffnen.“

Wolfgang Kubicki: Was darf der Staat den Bürgern zumuten?

„Man gibt Grundrechte nicht zurück“, konterte Wolfgang Kubicki in Richtung Tschentscher. „Wir alle sind Grundrechtsträger.“ Er teile auch nicht die Auffassung, dass die Ausgangssperre sich als wirksam erwiesen habe. Es sei Zeit, „endlich mal wieder auf die Gesetze zu gucken“, so der FDP-Politiker und Jurist aus Schleswig-Holstein – dabei verstieg er sich dazu, das Infektionsschutzgesetz als „Bundesnotstandsgesetz“ zu bezeichnen. Die Frage sei doch, „was darf der Staat seinen Bürgern zumuten“. Schleswig-Holstein, wo die Inzidenz landesweit bei 35 liegt und es zehn Regionen gibt, die diesen Wert noch unterschreiten, „hat dafür eine vernünftige Lösung gefunden“ mit Maskenpflicht und einer Testpflicht für nicht Geimpfte oder nicht Genesene. „Wir können den Menschen nicht mehr verbieten, in ein Hotel zu gehen, in die Gastronomie zu gehen oder zu reisen“, sagte Kubicki.

Dietmar Bartsch: Fokus auf die Jugend richten

Dietmar Bartsch kritisierte den Flickenteppich in Deutschland. Nachdem die Notbremse nicht mehr greife, regelten wieder die Länder die Coronamaßnahmen. „Ich finde das problematisch“, sagte der Spitzenkandidat der Linken für die anstehende Bundestagswahl. So sei in Schleswig-Holstein Tourismus wieder erlaubt, im benachbarten Mecklenburg-Vorpommern, wo die Sieben-Tages-Inzidenz bei 58,2 liege, gelte hingegen ein Einreiseverbot für Nicht-Geimpfte. Bartsch warb auch dafür, jetzt schon die Zeit nach dem Sommer in den Blick zu nehmen, insbesondere mit Blick auf Kinder und Jugendliche. Virologen und Erziehungswissenschaftler sollten jetzt gemeinsam Konzepte entwickeln, wie man diese Gruppe besser durch die Pandemie bekomme: „Wir müssen aufhören, bei dieser Gruppe auf Sicht zu fahren.“

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