Markus Lanz befragt den Ex-Gesundheitsminister

„Wo sitzen Sie eigentlich, Herr Spahn?“

Christoph Link
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19. Mai 2022
Der frühere Bundesgesundheitsminister Spahn (CDU) war bei Markus Lanz zu Gast.

Der frühere Bundesgesundheitsminister Spahn (CDU) war bei Markus Lanz zu Gast. ©Foto: dpa/Karl-Josef Hildenbrand

Der Ex-Gesundheitsminister sagt bei Lanz, dass er mit Merz gut zusammen arbeite, aber man sich ja „nicht lieben müsse“, und dass er seinen Mann nie auf Dienstflüge mitnahm.

Nach gut zwei Jahren Pause war Jens Spahn (CDU), Ex-Bundesgesundheitsminister, wieder mal in Präsenz bei Markus Lanz im ZDF, und der huldigte ihn zwar am Mittwochabend zunächst als „Robert Habeck der Opposition“, da Spahn als Vize-Fraktionschef der Union die Bereiche Wirtschaft, Energie und Klimaschutz verantwortet, bohrte dann aber gleich nach, ob der einst populäre Minister jetzt nicht den Status des Hinterbänklers erreicht hat: „Wo sitzen Sie eigentlich im Bundestag?“, fragte Lanz, und Spahn antwortete, dass es – mal abgesehen von der Fraktionsführung – keine festen Plätze gebe, sondern die Sitzverteilung nach dem Mallorca-Prinzip ablaufe: Wer zuerst am Strand sei, könne sich den Platz aussuchen.

Spahn wird immer einen Job finden

Jens Spahn ist also in der Touristenklasse angekommen, war da herauszuhören, seinem Selbstbewusstsein aber hat das nicht geschadet und die Journalistin Kristina Dunz (Redaktionsnetzwerk Deutschland) bestärkte den Ex-Bundesminister: „Ein Machertyp wie Jens Spahn, ein machtbewusster Mensch, wird immer einen Job finden, egal ob in der Politik oder der Wirtschaft.“

Drei Jahre lang hat die CDU gestritten

Dabei machte Spahn sehr deutlich, dass er keinen Arbeitsplatz suche und sich in der CDU noch sehr wohl fühle – obwohl er – wie Dunz bemerkte, drei Jahre lang gegen Friedrich Merz „gekämpft“ habe. Er mache seinen Job, sagte Spahn, er arbeite mit dem CDU-Vorsitzenden Merz gut zusammen, das heiße ja nicht, „dass wir uns lieben müssen“. Aber die Teamfähigkeit gehöre nun mal zu den Tugenden eines Politikers und die CDU sei jetzt stabil – „wir hatten doch drei Jahre lang darüber gestritten, wer führt uns?“ Auch sei die CDU jetzt „staatstragend, aber nicht regierungstragend“, und bei den Siegen in Schleswig-Holstein und NRW sei die Rolle der CDU-Länderchefs natürlich wichtiger gewesen als die von Friedrich Merz.

Mit den Gefühlen an die Öffentlichkeit?

Er halt nichts davon, wenn Politikern mit ihren „Gefühlshaushalten“ an die Öffentlichkeit gingen, sagte Spahn, aber selbstverständlich war für Markus Lanz die Gelegenheit da, nochmals beim Thema Abschied aus dem Bundesgesundheitsministerium zu bohren: Man habe ja da am letzten Tag nicht mal mehr den Anspruch, nach Hause gefahren zu werden, so Lanz. „Ich hätte auch ein Taxi genommen“, berichtete Jens Spahn, aber offenbar hat ihn dann doch eine Regierungslimousine nach Hause gefahren. Einen Tag vor der Entlassung hatte Spahn noch einen Termin in Brüssel gehabt, da sei der letzte Tag im Amt dann „nicht leicht“ und „schon ein ziemlicher Schnitt“ gewesen. Rückblickend auf die Pandemie bemerkte Spahn, dass eigentlich „mal jeder“ in seiner Einschätzung falsch gelegen habe, Politiker, aber auch Journalisten und Wissenschaftler. Er selbst empfand es als seinen größten Fehler, dass er am 27. Dezember 2020 „falsch kommuniziert“ habe, dass jetzt endlich Impfstoff da sei. „Da habe ich überschwänglich den Eindruck erweckt, dass in ein paar Wochen alle geimpft seien, das hat eine Erwartungshaltung geweckt, die schließlich zur Enttäuschung führte.“

Eine Lüge? Spahn bestreitet das

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Die Journalistin Dunz hingegen fand einen anderen Vorfall schlimmer, sie bezichtigte Spahn glasklar der Lüge, da er gemeinsam mit Kanzlerin Angela Merkel und RKI-Chef Lothar Wieler eines Tages wissentlich falsch behauptet hätte, Masken seien wichtig im Medizinsektor, aber im Alltagsgebrauch eher entbehrlich. Das sei ein „ziemlich schwerer Vorwurf“, meinte Spahn, und er dementierte ihn. Die Aussage sei im Einvernehmen mit einer Professorin für Hygiene gemacht worden, erst später habe es eine „Erkenntnisveränderung“ gegeben.

Kritik an männlicher Berichterstattung über Lambrecht

Mit der Privatheit von Jens Spahn schaffte Moderator dann einen Themenwechsel hin zum Militärischen und den noch geladenen Gästen, der Wehrbeauftragten Eva Högl (SPD) und dem Militärhistoriker Sönke Neitzel. „Würden Sie Ihren Mann in einem Bundeswehrhubschrauber mitnehmen“, fragte Lanz Spahn und der antwortete knapp: „Nein.“ Er habe Bundeswehrhubschrauber im übrigen während der Pandemie relativ häufig genutzt. Eine scharfe Kritik am Gebaren von Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) war aus den Studiogästen allerdings nicht herauszukitzeln und Kristina Dunz echauffierte sich etwas über die „männliche Berichterstattung“, die Äußerlichkeiten wie Friseurbesuche oder das Nagelfeilen der Ministerin im Fokus habe, statt sich aufs Inhaltliche zu konzentrieren. „Es ist erlaubt, den Sohn mitzunehmen, aber ob man es machen sollte oder nicht, dass ist keine Frage für die Wehrbeauftragte“, sagte Eva Högl.

Der Ex-Fallschirmjäger Lanz ist elektrisiert

In deren Zuständigkeit fällt aber der Zustand der Bundeswehr und ihre Schockanalyse hat Moderator Lanz dann nachhaltig und persönlich berührt: BW-Soldaten in Litauen klagten über fehlenden Kälte- und Nässeschutz, Funkgeräte seien 30 Jahre alt, von den 100 Milliarden für die Bundeswehr müssten erst einmal 2,4 Milliarden Euro für Helme, Schutzwesten und Rucksäcke ausgegeben werden, den Kampfschwimmern von Eckernförde fehle eine Schwimmhalle und selbst Fallschirmjäger hätten keine Helme, weil der Kinnriemen fehle. Dieser Hinweis elektrisierte Markus Lanz: „Ich habe selbst gedient bei den Alpini in Italien!“ Das sei ja unmöglich, auch Lanz war bei den Fallschirmjägern.

Bundeswehr fehlt Munition

Auch der Militärhistoriker Neitzel beklagte den desolaten Zustand der Bundeswehr, die habe doch schon 2001 „aus dem letzten Loch gepfiffen“. Aber es habe immer der politische Wille für eine Veränderung gefehlt, denn es habe ja nie eine Kriegsgefahr bestanden. Als vor Jahren einmal Simulatoren für Panzer gefehlt hätten, da habe man Witze gemacht: „Die müssten ja sowieso nie kämpfen.“ Heute fehle der Bundeswehr Munition für 20 Milliarden Euro, eine deutsche Brigade in Litauen könne im Ernstfall vielleicht eine Woche kämpfen.

Wehrbeauftragte hat etwas Hoffnung

Hoffnungsschimmer sieht immerhin die Wehrbeauftragte Högl: Es gebe die Linie, jetzt endlich EU-Ausnahmen vom „sehr komplizierten Vergaberecht“ durch das Bundesamt für Beschaffungswesen in Koblenz – eine Behörde mit 10.000 Leuten – anzuwenden. Man habe Abstand genommen von der Idee, dass es immer ein Produkt „mit Goldrand“ sein müsse, also „das Schönste und Beste“, auf das man dann 15 bis 20 Jahre warten müsse. Gut sei auch die Entscheidung für den Ankauf von amerikanischen F 35 als Nachfolger für den Tornado. Die nächste große Entscheidung sei dann die Anschaffung von schweren Transporthubschraubern.

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