Grenzschließung wegen Corona

Ärger um ein deutsches Stück Schweiz

Autor: 
Eberhard Wein
Lesezeit 4 Minuten
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27. März 2020
Der in der Nazizeit von der Schweiz errichtete Grenzzaun (hier ein Archivbild) ist an manchen Stellen noch vorhanden. Was viele nicht wissen: auf beiden Seiten liegt Konstanzer Gemarkung.

Der in der Nazizeit von der Schweiz errichtete Grenzzaun (hier ein Archivbild) ist an manchen Stellen noch vorhanden. Was viele nicht wissen: auf beiden Seiten liegt Konstanzer Gemarkung. ©Foto: dpa/Patrick_Seeger

400 Konstanzer Kleingärtner kommen wegen der Coronabedingten Grenzschließung nicht mehr zu ihren Parzellen. Dabei ist jetzt Pflanzzeit. Hintergrund ist ein historisches Kuriosum.

Konstanz - Eigentlich müsste Gabriele Horn jetzt Unkraut jäten, Rasen mähen, etwas einsäen. Die Arbeit in dem kleinen Schrebergarten mit Gartenhäuschen und Wasseranschluss wäre in Coronazeiten zweifellos der Gesundheit zuträglich und für den Infektionsschutz keineswegs schädlich. Doch die pensionierte Lehrerin darf nicht hin. So kann sie sich jetzt nur ausmalen, wie das Gras wächst, wie alles verwildert und wie die bösen Maulwurfsgrillen, die im vergangenen Jahr dem Mangold zusetzten, ihr bitteres Regiment führen. Vermutlich sehe es bald wieder aus wie vor fünf Jahren, seufzt die 70-Jährige. Als sie nach langer Wartezeit den Garten damals übernahm, musste sie 4000 Euro für zwei Profigärtner ausgeben und viel Eigenarbeit leisten, um die 130 Quadratmeter urbar zu machen.

So wie Gabriele Horn geht jetzt es vielen Konstanzer Kleingärtnern, die bei der Stadt eine Parzelle gepachtet haben. 400 Grundstücke seien betroffen, sagt der Sprecher des Rathauses, Walter Rügert. Sie liegen im Tägermoos in direkter Nachbarschaft zum linksrheinischen Stadtteil Paradies, doch für die Konstanzer sind sie gegenwärtig unerreichbar.

Der letzte Weg von Udo Jürgens

Stattliche 150 Hektar misst dieses feine Stück Konstanzer Gemarkung, das neben den Kleingärten auch Wiesen und Felder, aber kaum Einwohner besitzt, dafür eine verträumte Badestelle mit Kiosk am Seerhein. 2014 erlangte sie traurige Berühmtheit, als der Entertainer Udo Jürgensdort kurz vor Weihnachten auf dem vorbeiführenden idyllischen Spazierweg zusammenbrach und starb.

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Mehr ist in den zurückliegenden Jahrhunderten im Tägermoos eigentlich nicht passiert, obwohl oder gerade weil es ein historisches Kuriosum ist. Im Jahr 1294, so steht es in den Akten, hatte der Konstanzer Magistrat das Gelände einem örtlichen Kloster abgekauft, um es als Viehweide zu nutzen. Seither gab die Stadt es nicht mehr her, obwohl es zweifellos zum Kanton Thurgau gehört. Über alle Kriege und Umstürze blieb das Tägermoos Konstanzer Gemarkung auf Schweizer Staatsgebiet. So wurde es 1831 in einem Staatsvertrag bestätigt. Selbst während des Zweiten Weltkriegs konnten die Bauern und Kleingärtner aus dem Paradies ihre Flächen im Tägermoos bewirtschaften.

Diplomatie mit einer Flasche Wein

In Zeiten von Corona ist das anders. Die Schweiz hat ihre Grenze dicht gemacht und ist auch gegenüber den Kleingärtnern unerbittlich. Ein Versuch, auf dem kleinen Dienstweg mit der Schweizer Nachbargemeinde Tägerwilen eine Lösung zu erzielen, scheiterte. Dabei schickte die Stadt als ihren Chefunterhändler den Leiter der Konstanzer Museen und eingefleischten Paradiesler Tobias Engelsing eigens mit einer Flasche Weißwein zu Verhandlungen mit dem Tägerwiler Bürgermeister an den Grenzzaun.

Doch Engelsing konnte nur einen Teilerfolg erzielen. Lediglich die Paradieser Bauern, die auf den Feldern im Tägermoos Biolandbau betreiben, werden mit ihren Traktoren – analog zu Berufspendlern – wieder durchgelassen. Mehr ließ das zuständige Berner Ministerium nicht zu. Schließlich, so hieß es hinter vorgehaltener Hand, könne niemand garantieren, dass die Leute nicht doch zur Gartenarbeit grillen und hinterher bei Migros eine Packung Klopapier kaufen.

Zeit für Nachbarschaftshilfe

„75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs haben wir wieder Passierscheine“, stellt der Historiker Engelsing trocken fest. Zwölf Stück wurden für die Landwirte und ihre Familien ausgestellt. Durch den Zaun wurde dann aber doch mit dem Weißwein angestoßen. Die Stadt denkt derweil daran, ob vielleicht die Technischen Betriebe in der Kleingartenanlage nach dem Rechten sehen können. Für die Stadtgärtner wäre es ja eine Dienstfahrt. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass sich Schweizer Gartenfreunde vorübergehend um die Grundstücke kümmern und das Nötigste erledigen. Auch im Nachbarland haben viele Coronabedingt neuerdings ja ungeahnte Zeitkontingente.

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