„Auf gut Schwäbisch“-Stammtisch

Ein fast blinder Mann will sehenden Menschen die Augen öffnen

Autor: 
Torsten Schöll
Lesezeit 6 Minuten
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14. Februar 2020
Thomas Stetter mit Gästen im Zeppelinstüble.

(Bild 1/12) Thomas Stetter mit Gästen im Zeppelinstüble. ©Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Beim 37. „Auf gut Schwäbisch“-Stammtisch sorgt Mundart-Erzähler Thomas Stetter aus Neugereut im Zeppelin­stüble des Steigenberger Hotels für Ein- und Durchblicke ganz anderer Art.

Esslingen - Die Sitzung des Jugend- und Sozialausschusses ist vor einer halben Stunde zu Ende gegangen, auch Landrat Hans-Peter Braun hat das Gebäude vor wenigen Minuten verlassen, als der Hausmeister einen „furchtbaren Knall“ hört. Der Sprengsatz ist nur wenige Zentimeter groß. Tote oder Verletzte gibt es keine, auch der Sachschaden ist überschaubar, als am 21. Februar 1980 gegen 20.20 Uhr eine Rohrbombe an der Neckarseite des Esslinger Landratsamts explodiert.

Anlass zur Sorge geben vielmehr die Hintergründe des Verbrechens, erklärt André Kayser vom Esslinger Kreisarchiv, „denn zweifellos gab es einen Zusammenhang zu der Auschwitz-Ausstellung des Kreisjugendrings, die damals im Landratsamt zu sehen war“. Hinzu kommt, dass der Kreisjugendring die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze gefordert hatte.

Ein anonymer Anrufer fordert den Abbruch der Auschwitz-Ausstellung

Noch am gleichen Abend meldet sich ein anonymer Anrufer bei der Deutschen Presseagentur. „35 Jahre antideutsche Hetze sind genug. Wer dem Zionismus dient, bekommt unsere Maßnahmen zu spüren“, erklärt er. Tags darauf geht auch beim Kreisjugendring Esslingen ein Anruf ein. „Richten Sie dem Drexler aus, wenn die Ausstellung nicht abgebrochen wird, geht die nächste Bombe hoch.“ Doch Wolfgang Drexler als Vorsitzender und Bernd Lörz als Geschäftsführer des Kreisjugendrings sind sich mit dem Schirmherr der Ausstellung, Landrat Hans-Peter Braun, schnell einig: Wir lassen uns nicht erpressen. „Da gab es gar keine große Diskussion“, erzählt Lörz.

Doch die Verunsicherung ist groß. Weil die Ausstellung nur der Auftakt zu den Polnischen Tagen ist, die zwei Monate später stattfinden sollen und zu denen Hunderte Gäste aus Polen erwartet werden – und weil die Täter sich erneut melden, mit einem weiteren Anschlag drohen und den Worten Taten folgen lassen. Am 18. April, zwei Tage vor Eröffnung der Polnischen Tage, explodiert eine Rohrbombe am Haus des Landrats Braun in Ostfildern. Der weilt zu diesem Zeitpunkt in Japan, seine Frau und die beiden Kinder kommen mit dem Schrecken davon. „Diese Aktion war notwendig, da man unsere Warnung vom 21. Februar offensichtlich nicht ernst nahm“, erklärt ein anonymer Anrufer.

Der Anschlag in Esslingen ist nur der Auftakt

Der Staatsschutz wird aktiv, im Nachbarhaus von Drexler quartieren sich Polizisten ein. Und die beiden Rohrbomben sind erst der Anfang einer Serie von Anschlägen: Ende April auf die Janusz-Korczak-Schule in Hamburg, bei dem zwei Personen verletzt werden, am 30. Juli auf das Bundessammellager für Asylsuchende in Zirndorf, am 6. August auf ein Hotel in Leinfelden-Echterdingen, in dem Asylbewerber untergebracht sind, am 17. August auf eine Asylbewerberunterkunft in Lörrach mit drei Verletzten sowie auf ein Übergangsheim für Flüchtlinge in Hamburg am 22. August 1980, bei dem zwei Vietnamesen getötet werden.

Ihr Hass wird den Terroristen schließlich zum Verhängnis. Wenige Tage vor dem Anschlag in Hamburg beobachtet eine Autofahrerin einen Mann und eine Frau, die „Ausländer raus“ auf ein Straßenschild schmieren. Sie notiert das Autokennzeichen und informiert die Polizei. Am 1. September 1980 werden der 49-jährige Werkmeister Raymund H. aus Kirchheim unter Teck, der Hals-Nasen-Ohren-Arzt Heinz C. aus Dettingen und die 24-jährige Radiologie-Assistentin Sibylle V. aus Bremerhaven verhaftet.

Die Täter stammen aus Kirchheim

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Es ist das Ende der „Deutschen Aktionsgruppen“, einer rechtsextremen Terrorgruppe unter Führung Manfred Roeders. Roeder war bis zur Entziehung seiner Zulassung Rechtsanwalt von Rudolf Heß und genießt in der rechten Szene einen Ruf wie Donnerhall. Seine Hetze fällt auf fruchtbaren Boden. Die späteren NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos werden Jahre später Flugblätter mit den kruden Thesen des selbst ernannten Erben von Hitlers Nachfolger Großadmiral Karl Dönitz verteilen.

Den Sprengstoff für die Anschläge hatten drei junge Männer aus Kirchheim besorgt, die Bomben wurden in der Werkstatt von Raymund H. zusammengebaut. „Als die Polizei die Werkstatt ausgehoben hat, haben sie auch eine Rohrbombe mit meinem Namen darauf gefunden“, erzählt Drexler. Es wird nicht die einzige Morddrohung bleiben, die letzte erhält Drexler im vergangenen September wegen seiner Rolle als Vorsitzender des baden-württembergischen NSU-Untersuchungsausschusses.

Roeders Handlanger bekommen lebenslange Haftstrafen

Roeder bekommt als Rädelsführer 13 Jahre Gefängnis, Raymund H. und Sibylle V. werden zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt, Heinz C. kommt mit sechs Jahren Gefängnis davon. Weitere Prozesse gegen Sympathisanten und Unterstützer folgen, denn die Täter sind nicht allein. „Die Szene wurde viel zu kleingeredet“, sagt Lörz, dem Unbekannte damals „Rote Sau“ ins Autodach ritzten.

Knapp vier Wochen nach der Verhaftung der Bombenleger platziert der Tübinger Geologiestudent Gundolf Köhler, der enge Kontakte zur Wehrsportgruppe Hoffmann gepflegt hatte, eine Bombe auf dem Münchner Oktoberfest: Zwölf Menschen sterben, 213 werden verletzt. Kurz darauf ermordet ein Mitglied der Wehrsportgruppe in Erlangen den Rabbiner Shlomo Lewin und seine Lebensgefährtin Frida Poeschke. Zwei Jahre später erschießt der Neonazi Helmut Oxner in Nürnberg drei Ausländer. Zwei Polizisten, die Deckung suchen, erklärt er „Ich schieße nur auf Türken“ – bevor er sich mit dem Ruf „Es lebe der Nationalsozialismus“ selbst richtet.

Der Hass hat sich internationalisiert

Knapp 20 Jahre wird der NSU mordend durch das Land ziehen. „Die Politik war auf dem rechten Auge lange blind“, sagt Drexler. Inzwischen sei sie aufgewacht, wenn auch spät. „Wir hätten schon nach den Morden des NSU aufwachen müssen.“

Dass der Antisemitismus 75 Jahre nach Kriegsende wieder hochkommt, hätte er nie erwartet, sagt Drexler. „Der NSU ist nicht das Ende, das ist erst der Anfang.“ Zumal sich der Hass internationalisiert hat, Rechtsradikale inzwischen grenzübergreifend zusammenarbeiten. „Früher ging es der rechtsradikalen Szene um die deutsche Rasse, heute geht es um die weiße Rasse.“ Auch Lörz ist alles andere als glücklich über die Entwicklung: „Wir sind heute leider wieder in einer ähnlichen Situation wie damals, nur dass die Personen heute noch radikaler sind und ihre Ideologie mit Hassparolen in den sozialen Medien verbreiten. Dem müssen wir alle entgegentreten.“

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