Tourismus in Corona-Zeiten

Mitten in der Reiseflaute nur Vertröstungen

Autor: 
Christine Keck
Lesezeit 4 Minuten
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17. April 2020
Die Touristiker Yavuz und Yakup Aslan (von links) waren auf Erfolgskurs und hatten steigende Umsätze – bis eine Krise nach der anderen die Branche erschütterte.

Die Touristiker Yavuz und Yakup Aslan (von links) waren auf Erfolgskurs und hatten steigende Umsätze – bis eine Krise nach der anderen die Branche erschütterte. ©Foto: Horst Haas

Erst kam die Thomas-Cook-Pleite, dann das Coronavirus: Die Reutlinger Brüder Yavuz und Yakub Aslan von Schwabenlandreisen werden in der größten Krise der Branche von ihrer Hausbank enttäuscht und vom Staat fühlen sie sich im Stich gelassen.

Stuttgart - Die Stille ist es, die Yavuz Aslan zusetzt. Kein Telefon klingelt, keine Kundschaft drängt sich an der Beratungstheke und will schnell mal den Sommerurlaub buchen. Nur die bemannte Kehrmaschine zieht dröhnend vorbei und verschwindet in den Tiefen des menschenleeren Stuttgarter Flughafens. „Vier Karibikkreuzfahrten in vier Wochen“, klagt Aslan, „das war’s mit den Buchungen.“ Der Touristiker sitzt umrahmt von Mallorca- und Senegal-Plakaten im Büro von Schwabenlandreisen, oben in Terminal 3, und ist sauer. Es sind die Worte von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier, die ihm anfangs Mut gemacht haben. „Der hat gesagt, dass er uns nicht im Stich lässt, dass er uns helfen würde in diesen Zeiten“, sagt Aslan, „und ich habe ihm geglaubt.“

Über die Hausbank zum KfW-Kredit

In den Zeitungen hat es der 43-Jährige gelesen, im Radio gehört: Schnell und unbürokratisch würde die Hilfe kommen, ein milliardenschweres Sonderkreditprogramm der staatlichen Förderbank KfW für Unternehmen, die durch die Corona-Krise in Schieflage geraten seien. Man müsse sich nur an die Hausbank wenden.

Schon lange sind die Reutlinger Brüder Yavuz und Yakup Aslan in der Reisebranche unterwegs, mit Dependancen in Esslingen, Fellbach (Rems-Murr-Kreis), aber auch in Saarbrücken und Mainz. Sie haben 17 Mitarbeiter, davon sechs fest angestellt und vier Azubis, und ein guten Verhältnis zu ihrer Hausbank, der Tübinger Kreissparkasse – so glaubten sie es zumindest. „Erst waren wir Kunden auf Augenhöhe, dann wurden wir zu Bittstellern, die vertröstetet werden“, sagt der Geschäftsinhaber Yakup Aslan. Der 36-Jährige kann seit Wochen nicht mehr gut schlafen, die Sorgen setzen ihm zu. Dass der Flughafen ganz dicht gemacht hat und die Corona-Flaute für Bauarbeiten nutzt, lässt seine Laune weiter sinken.

Das Darlehen ist kurz vor der Auszahlung gestrichen worden

„Uns hat es doppelt erwischt“, sagt Yakup Aslan, „aber unterkriegen lassen wir uns noch lange nicht.“ Erst kam die Pleite des Reisekonzerns Thomas Cook, die die Firma im vergangenen Jahr um 140 000 Euro Provisionen brachte. Mit einem Kredit der Kreissparkasse wollte Schwabenlandreisen die Finanznot überwinden, alles war eingetütet, das Darlehen Mitte März kurz vor der Auszahlung. „Dann kam Corona, und wir wurden hängen gelassen“, erzählt der Reisebüroinhaber. Er hat die E-Mail mit der Absage ausgedruckt. Aufgrund der Corona-Epidemie stelle die vorliegende Planung nicht mehr den Finanzbedarf des Unternehmens dar. Das Darlehen müsse zurückgestellt werden, heißt es in dem Schreiben. Es endet mit freundlichen Grüßen und der Aufforderung, gesund zu bleiben.

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Das habe sich angefühlt wie ein Schlag ins Gesicht, sagt Yakup Aslan. Der zweite Schlag folgte wenig später. Er hoffte, wie sein älterer Bruder auch, dass sie von KfW-Geldern profitieren würden. Doch ihre Tübinger Hausbank klärte sie auf. Nur gesunde Unternehmen erhielten ein KfW-Notdarlehen. Wer sich bereits in der Sanierung befunden habe, der könne nicht berücksichtigt werden.

„Wir sind der Handlanger der KfW“, sagt Klaus Rein, der Pressesprecher der Kreissparkasse Tübingen entschuldigend. „Es gibt Bedingungen für das Programm, die müssen wir prüfen“ – dazu gehöre auch die Kapitaldienstfähigkeit. Sprich: ob es ein Unternehmen schaffe, sein Darlehen samt Tilgung und Zinsen zurückzuzahlen.

Die Mitarbeiter sind in Kurzarbeit, die Mieten werden gestundet

Im Kleingedruckten sehe die Welt immer anders aus, beklagt Yakup Aslan. Er hatte bis vor wenigen Monaten vor allem schwarze Zahlen vor Augen. „Klar sind wir verschuldet, aber auch sehr erfolgreich. 2019 hätte unser bestes Jahr werden sollen, und wir hatten super vorgebucht für 2020.“ Mit Umsätzen von 6,5 Millionen Euro im Jahr, Tendenz steigend, habe seine Firma doch alles richtig gemacht.

Er hat mittlerweile begonnen, sein Privatvermögen zu plündern und sich in der Familie Geld zu leihen. Die Mitarbeiter hat er in Kurzarbeit geschickt, die Mieten werden gestundet, auch die Zahlungen an das Finanzamt, doch immer noch beliefen sich die Fixkosten auf mehrere Tausend Euro im Monat. „Eine kurzfristige Erleichterung brachten die 15 000 Euro Soforthilfe“, sagt Aslan und ist dankbar dafür, „aber das war nur ein Tropfen auf den heißen Stein.“ Seine Firma bräuchte Unterstützung bis in den Herbst hinein, wenn das Geschäft wieder richtig anlaufe.

Unverschuldet in die Krise gerutscht

Für die Reisebranche ist es die größte Krise, die sie je erlebt hat. Umso wichtiger seien unbürokratische solidarische Hilfen der Banken, sagt Torsten Schäfer vom Deutschen Reiseverband. Er weiß, dass etliche Reisebüros im Land unverschuldet ins Minus gerutscht sind. Einen Trost hat der Pressesprecher für die schwäbischen Mittelständler, die um ihre Zukunft bangen. „Sobald der Wirtschaftsmotor wieder anspringt, wird auch der Reisemotor wieder starten.“ Nur wann das sein werde, könne momentan keiner sagen.

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