Familiendrama in Rot am See

Mordprozess: Ortenauer Ärzte schließen Vergiftung aus

Autor: 
Carola Fuchs
Lesezeit 3 Minuten
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08. Juli 2020
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© Foto: dpa/Sebastian Gollnow

Der Angeklagte im Prozess um die Gewalttat mit sechs Toten in Rot am See hat im Gericht davon gesprochen, dass seine Mutter ihn vergiftet haben soll. Diesen Theorien widersprechen Mediziner.

Jede Sekunde seines Lebens, so steht es in einer handschriftlichen Erklärung von Adrian S., „war eine Höllenqual in den Händen dieses Dämons“. Geschrieben hat der 27-Jährige, der sich im Landgericht Ellwangen wegen sechsfachen Mordes an seinen Eltern, seinen Geschwistern und Tante und Onkel verantworten muss, am 29. Dezember 2019, dem Todestag seiner Oma. Zwei weitere Verwandte hat er schwer verletzt.

Die Beerdigung war für ihn die Gelegenheit, auf die Adrian S. schon so lange gewartet hatte, um die Mutter, die Schwester, den Vater zu töten.

Hasserfüllte Wahnwelt

Sein Testament sollte jenes Schreiben sein, hat der Angeklagte ausgesagt. Am Dienstag wurde die Erklärung verlesen. Sie dokumentiert die hasserfüllte Wahnwelt, in die er sich seit Jahren vergraben hat. Seine Mutter nennt Adrian S. da nur „Es“, sie ist für ihn der Inbegriff des Bösen. „Ich wusste, dass ich es töten würde, seit ich mit 18 Jahren im Krankenhaus lag“, wo die Ärzte angeblich eine „Vergiftung“ mit synthetischen weiblichen Östrogenen festgestellt hätten. „Es hat alles gehasst, was einen Penis hatte“ und „versucht mir einzureden, dass es mich liebt“. Doch noch nicht einmal als Kind sei er davon überzeugt gewesen.

Warum das alles? „20 Jahre Kindesmisshandlung“, sagte er immer wieder: bei seinem Notruf, als er die Polizei verständigte, bei seiner Vernehmung, auch vor dem Haftrichter. „Es ist nicht zu leugnen, dass meine Mutter mich vergiftet hat“, das betonte Adrian S. auch vor Gericht.

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Analyse sei abwegig

Und zwar mit Ethinylestradiol. Ärzte der Lahrer Ortenau-Klinik hätten das synthetische Östrogen im Mai 2012 auch festgestellt. Dort war Adrian S. wegen starker Migräne behandelt worden. Doch der Neurologie-Professor Volker Schuchardt (71), seinerzeit Chefarzt der Neurologiestation, schloss rundweg aus, dass das Blut des Patienten auf Östrogene getestet worden ist.

„Wir untersuchen das nie. Wir haben das mit Sicherheit nicht gemacht“, erklärte er. Zwei seiner Kollegen, die S. damals untersucht hatten, bezeichneten eine solche Analyse schlicht als abwegig.

Schuchardt schloss auch aus, dass die Akte manipuliert worden sei, wie es der Angeklagte auch ausgesagt hat: Seine Mutter, die in der Klinik ihre Hebammenausbildung gemacht hatte, habe über Freunde die „Beweise“ für seine „Vergiftung“ verschwinden lassen.

Am Mittwoch soll der forensische Psychiater Peter Winckler zur Frage der Schuldfähigkeit gehört werden. Das Urteil in dem Verfahren wird für Freitag erwartet.

 

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