Atomstrom

Umweltgruppe zweifelt Akw-Sicherheit an

Christoph Link
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22. September 2022
Kritiker halten das Kernkraftwerk Neckarwestheim für unsicher.

Kritiker halten das Kernkraftwerk Neckarwestheim für unsicher. ©Foto: /Imago/Frank Hoermann/Sven Simon

Zwei Anwohner des Atomkraftwerks Neckarwestheim 2 klagen gegen den Betrieb des Reaktors vor Gericht. Vertreten werden sie von der Umweltgruppe Ausgestrahlt, die 350 Risse in Druckbehältern bemängelt. Das Umweltministerium in Stuttgart widerspricht.

Die Umweltgruppe Ausgestrahlt hat am Donnerstag auf einer Pressekonferenz größte Bedenken gegen einen Weiterbetrieb der Atomkraftwerke Neckarwestheim 2 sowie Isar 2 und Lingen in Niedersachsen geäußert, ebenso gegen ihre Vorhaltung als Einsatzreserve. Am Beispiel von Neckarwestheim 2 hat die Organisation die Gefährlichkeit des Atombetriebes ausführlich geschildert. Die Bedenken sind am gleichen Tag jedoch vom baden-württembergischen Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft – der Aufsichtsbehörde – entschieden zurückgewiesen worden.

Verhandlung vor Verwaltungsgerichtshof im Dezember

Die Atomkraftgegner teilten mit, dass es am 14. Dezember eine Verhandlung vor dem Verwaltungsgerichtshof Mannheim gebe, zwei Anwohner aus Neckarwestheim wollen mit einer Klage die sofortige Stilllegung des Reaktorblocks erwirken. Anwälte von Ausgestrahlt werden sie vertreten. „Wir haben in Deutschland einen seltsamen Diskurs“, meinte der Ausgestrahlt-Vorsitzende Matthias Weyland. Einerseits sage der Bundeswirtschaftsminister, es dürfe keine Abstriche an der Sicherheit geben, andererseits wolle er den Weiterbetrieb oder eine Einsatzreserve bis April 2023: „Obwohl wir drei alternde Akws mit grundsätzlichen Sicherheitsproblemen haben. Wir fordern die Abschaltung aller Atommeiler.“ Die periodischen Sicherheitsüberprüfungen seien mit Blick auf den ursprünglichen Abschalttermin 31. Dezember ausgesetzt worden. Schon die bekannt gewordenen Lecks in Isar 2, wo eine Reparatur notwendig ist, hätten das Problem gezeigt. Es sei ein Irrglaube, jahrelang seien die Akws sicher gewesen, „da können die ein paar Monate länger laufen“.

Risse in Dampferzeugerheizrohren

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Konkret führen die Atomgegner 350 Fälle von feinen Rissen in Dampferzeugerheizrohren an, die seit 2018 in Neckarwestheim aufgetreten sein sollen. Sie kämen auch in Lingen vor und es gebe den Verdacht, dass sie auch bei Isar 2 auftreten. Von diesen in Deutschland sehr dünnwandigen Rohren gibt es 16 000 Stück in jedem Reaktor. Sie sitzen an einer neuralgischen Stelle zwischen dem Primär- und Sekundärkreislauf des Kraftwerks. „Es handelt sich bei den Schäden um eine sogenannte Sprungrisskorrosion – und die ist besonders fies, weil das Wachstum der Risse nicht vorhersehbar ist“, sagte Armin Simon von Ausgestrahlt. Auch das in Frankreich reihenweise die Akws abgeschaltet worden seien, sei auf dieses Problem zurückzuführen; dort habe man aber dickwandige Rohre. Unerkannt und unbehandelt könnten die Risse zu einem Rohrabriss und einem schweren Störfall führen. Simon berichtete, dass in Neckarwestheim im Juli bei einer Revision 36 neue Risse entdeckt worden seien. Das Problem sei, dass neuerdings mit einem einfachen Prüfverfahren gearbeitet werde, das nur jeden zweiten Risse aufdecke. Dieter Majer, der früher im Bundesumweltministerium Ministerialdirigent und Bereichsleiter für die Sicherheit kerntechnischer Anlagen war, bestätigte das hohe Risiko: Das Prinzip des „Leck-vor-Bruchverhaltens“ sei nicht mehr gegeben, also das im Rohr ein stabiles Leck auftritt, bevor es zu einem wirklich katastrophalen Bruch kommt. „Es ist völlig unklar, mit welchem Tempo die Risse wachsen.“ Der Abriss eines Rohres sei nicht ausgeschlossen und dann könne es zu einem Störfall wie einer Kernschmelze kommen, der Reaktordeckel könne nach oben gedrückt werden. Die große Freisetzung von radioaktivem Material wäre die Folge.

Umweltministerium weist die Vorwürfe zurück

Vom baden-württembergischen Umweltministerium sind die Vorwürfe umgehend zurück gewiesen worden. „Die aufgetretenen Schäden an den Dampferzeugerheizrohren im Kernkraftwerk Neckarwestheim 2 wurden unter Zuziehung von Sachverständigen sicherheitstechnisch bewertet. Die Ursache ist geklärt, entsprechende Abhilfemaßnahmen wurden getroffen“, teilte eine Ministeriumssprecherin mit. Die Anlage werde entsprechend den Vorgaben des kerntechnischen Regelwerks betrieben, alle erforderlichen Nachweise lägen vor. „Wenn es Bedenken gegen einen Betrieb der Anlage gegeben hätte, hätte das Umweltministerium dem Wiederanfahren nach der Revision nicht zugestimmt.“ Auf der Homepage des Ministeriums seien ausführliche Berichte über die Sicherheitsfragen zu finden.

Das Ministerium sieht sich auf der sicheren Seite, auch was die Klage anbelangt. So hatte Ausgestrahlt im Frühjahr schon wegen der Risse im Eilverfahren am Verwaltungsgerichtshof die Stilllegung von Neckarwestheim verlangt, war damit aber abgewiesen worden. Nun wird am 14. Dezember die mündliche Hauptverhandlung folgen.

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