Autotest exklusiv

McLaren 720S legt dank 720 PS rasanten Spurt hin

Autor: 
Friedbert Weizenecker
Lesezeit 5 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
28. Oktober 2017
Atemberaubend schön: Ob von vorne...

(Bild 1/5) Atemberaubend schön: Ob von vorne... ©Friedbert Weizenecker

Sein Auftritt ist furios. Stärker als erwartet zieht er die Passanten in seinen Bann. Im autoverrückten Rom bleiben unzählige Menschen mit offenem Mund stehen, drehen sich nach ihm um und recken begeistert den Daumen hoch. Ein kurzer Stopp am Straßenrand wird zum Menschenauflauf. Ganze Familien­ kommen mit Foto-Handys angelaufen, um einen Blick zu erhaschen. Viele Fragen. Zum Glück kann ich nicht Italienisch. Was ich mit dem McLaren 720S erlebe, reicht nicht an Ferrari oder Lamborghini heran. Mag sein, es ist der Reiz des Unbekannten im Land von Enzo Ferrari und Ferruccio Lamborghini. 

Auch gestandene Auto-Journalisten können sich dem Phänomen McLaren nicht verschließen. Dieser wunderschöne Supersportwagen ist nicht allein optisch gelungen. Auch sein Sound-Design könnte kaum verbessert werden. Der neue 720S scheint in jedem Moment den richtigen Ton zu treffen. Mit ihm lässt es sich entspannt cruisen – dann hält sich das akustische Crescendo angenehm zurück. 

Feuriges Fauchen: Wenn der wilde Engländer mit seinen 720 PS aber von der Leine gelassen wird, faucht er so feurig, wie es ein Italiener kaum besser könnte. Nie werde ich diesem Sound überdrüssig. Denn er übertreibt nicht. Wird nie zu laut. Es sei denn, für die Nachbarn. Wer die schonen möchte, drückt den Sound-Botton erst nach der Ortsausfahrt. Länger hält es sein Fahrer aber kaum aus. Zu süß ist diese Versuchung. 

Apropos Versuchung. Die noch größere ist die Überschreitung von Geschwindigkeitsbegrenzungen. Denn dieser Bolide schafft den kurzen Sprint auf Tempo 100 in nur 2,9 Sekunden. Das klingt wenig. Ist es auch! Unvorstellbar schnell jagt der 720S aus dem Stand auf Landstraßentempo. Aber wie zu erwarten war, ist da längst nicht Schluss. Gefährliche 341 Stundenkilometer schafft die 4-Liter-Maschine in diesem McLaren aus der Superserie. Kenner werden seine 568 Newtonmeter Drehmoment begeistern. 

Nur 7,8 Sekunden dauert es übrigens, bis er von 0 auf 200 ist! Und um es auf den Höhepunkt zu treiben: In 21,3 Sekunden erreicht der 720S die 300er-Marke. In solchen Tempobereichen werden die scheinbar ebenen italienischen Autobahnen zu Rüttelpisten. Für Milli-Sekunden scheint das elektro-hydraulisch unterstützte Lenkrad immer wieder den Kontakt zur Straße zu verlieren. Da vermisst man schnell die Qualität der Autobahnen zu Hause. 

Zum Glück zeigen die Bremsen dieses McLaren die gleiche Qualität wie sein Antrieb. Ohne den Wagen aus der Bahn zu bringen, reduzieren sie unterstützt von den elektronischen Helferlein das Tempo atemberaubend. In 2,8 Sekunden (29,7 Meter) wird dieser Sportwagen von Tempo 100 auf 0 abgebremst. Man muss eigentlich nicht erwähnen, wie sicher der 720S selbst bei schnell gefahrenen Kurven in der Spur bleibt. Stets gutmütig und auch für die Nicht-Vettels unter uns zu bewältigen. 

- Anzeige -

Seit den Tagen des McLaren MP4 12-C hat sich die Qualität im Innenraum beachtlich entwickelt. Der Innenraum des 720S ist richtig schön geworden. Funktional auch. Von der Stange aber nicht. Dafür gibt es zu viele Bedienfeinheiten, die man kennen muss. 

Einstellen ohne Blickkontakt: Intuitiv würde ich das bei aller Begeisterung nicht nennen. So muss man sich an die Bedienung der Sitzeinstellung ohne Blickkontakt gewöhnen. Das Navigationssystem lässt sich bisweilen etwas zu viel Zeit, bis die verbale Ansage kommt.

 
Das in den hochschwingenden Türen eingelassene, getönte Glas lässt die Sonnenstrahlen nur wenig gemildert an das Haupt der Insassen. McLaren sagt, es gebe eine zusätzliche Folie. Ich finde, ein feines Netz wäre wohl wirksamer. Fahrer und Beifahrer können es selbst auf längeren Autobahnstrecken gut auf dem sportlichen Ledergestühl aushalten, das die Balance zwischen Halt und Bequemlichkeit magisch hält. Selbst mit einer Körpergröße von 1,86 Meter kann man auf der Beifahrerseite die Füße entspannend strecken. Im Karbonfaser-Monocoque fühlt man sich nicht eingeengt. Der Einstieg setzt keine akrobatischen Fähigkeiten voraus. Der Einsteigevorgang ist sogar ­minirocktauglich.

Was kostet dieser Supersportwagen, der im englischen Woking (nahe London) auf weißen Fliesen gebaut wird? Mindestens 250 000 Euro. Wenn man, wie in meinem Testwagen (Luxury-Version) noch das ein oder andere Extra dazufügt, sind die 300 000 Euro unschwer erreichbar. Die ersten 400 Fahrzeuge wurde schon im März auf dem Automobilsalon in Genf verkauft, wo der McLaren 720S seine Weltpremiere­ feierte. Wer heute bestellt, muss mindestens ein Jahr auf sein gutes Stück warten.

Datenblatt

Motor: M840T Engine, 4,0 Liter Twin-Turbo V8
Hubraum: 3994 ccm
Leistung: 720 PS (530 kW) bei 7500 U/min
Max. Drehmoment: 770 Nm von 5500 U/min
Übersetzung: 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe
Antrieb: Hinterradantrieb
Länge/Breite/Höhe: 4,543/2,161 (mit Spiegeln 2,02)/1,196 m
Radstand: 2,67 m
Leergewicht: 1283 kg
Kofferraumvolumen: 
150 l (Front), 210 l (Heck)
Wendekreis: keine Angaben
Max. Anhängelast: nicht angegeben
Höchstgeschwindigkeit: 341 km/h
Beschleunigung 0 auf 100 km/h: 2,9 sec
ECE-Durchschnittsverbrauch: 10,7 Liter
Schadstoffklasse: Euro6
Tankinhalt: 70 l
Testverbrauch: 15 bis 20 l je 100 km
CO2-Ausstoß: 249 g/km
Basispreis: 250 000 ­Euro

Weitere Artikel aus der Kategorie: Autotest exklusiv

Sportliche Erscheinung: Der neue Ford Focus ähnelt in der Profilansicht einem Pfeil.
Vierte Modellgeneration des Kompaktmodells von Grund auf neu entwickelt
vor 3 Stunden
Die vierte Modell-Generation des Ford Focus steht in den Startlöchern. Aufgrund der besonders hohen Anforderungen an Sicherheit, Vernetzung und Umwelt mussten und konnten die Entwickler auf einem weißen Papier anfangen. Die Karosserie und auch der Innenraum zeigen dies deutlich. 
Überarbeitetes Flaggschiff: Limousine und Kombi des Mazda6 fahren ab September mit einem aufgefrischten, optisch klareren Blechkleid vor.
Kombi Sportsline mit 194-PS-Benziner mit Zylinderabschaltung
vor 9 Stunden
Auch wenn Mittelklasse-Limousinen heute nicht mehr die Bedeutung haben, die sie einst hatten, gibt es nach wie vor Fans der klassischen Limousinen und der darauf basierenden Kombis. Mazda hat nun seinen Klassiker technisch überarbeitet und ihm eine aufgefrischte Hülle verpasst.