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Nissan Micra: Ein Pummelchen mutiert zum Wildfang

Autor: 
Thomas G. Zügner
Lesezeit 4 Minuten
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21. Oktober 2017
Nissan Micra 1.5 dCi Acenta: Ein emotional ausgerichtetes Design mit rassigen Kanten und scharfen Linien kennzeichnet den Kleinwagen.

(Bild 1/4) Nissan Micra 1.5 dCi Acenta: Ein emotional ausgerichtetes Design mit rassigen Kanten und scharfen Linien kennzeichnet den Kleinwagen. ©Thomas G. Zügner

Niedlich, rundlich, knuddelig: Diese Eigenschaften prägten jahrelang den Auftritt des Nissan Micra. Das war auf die Dauer dann doch etwas langweilig geworden. Bei der fünften Generation haben die Designer deshalb einen radikalen Wandel vollzogen. Davon profitiert auch der neue Nissan Micra 1.5 dCi Acenta.

Aus dem liebreizenden Pummelchen mit den Glubschaugen ist ein aggressiv-dynamisch dreinblickender Wildfang geworden. Rassige Kanten und Linien sind ebenso emotional ausgerichtet wie die spitz zulaufende Front, die in einen eigenwillig geformten Kühlergrill mündet. Ziemlich flach stehen die vorderen Dachpfosten und entsprechend auch die Windschutzscheibe. Die abgedunkelten Säulen lassen das Dach scheinbar schweben, die Heckleuchten wirken wie in ein Naschwerk hineingesteckte Bonbons. 

Dass der im französischen Flins gebaute Kleinwagen ausschließlich als Fünftürer angeboten wird, fällt auf den ersten Blick kaum auf. Denn die hinteren Türgriffe verstecken sich, wenn auch wenig fingerfreundlich gestaltet, hinter dem Seitenfenster.

Nüchtern: So extrem verspielt wie die Außenhaut des Nissan Micra gezeichnet ist, so sachlich gibt sich der Innenraum. Immerhin lockern ein paar silberfarbene Dekoreinsätze das Bild ebenso auf wie die für die »Acenta«-Linie vorgesehenen hellen Elemente an Instrumententafel und vorderen Türverkleidungen.

Acht Zentimeter breiter, 6,5 Zentimeter niedriger, aber stattliche 17,4 Zentimeter länger als der in Indien gebaute Vorgänger ist der gallische Japaner. Auch beim Radstand hat er zugelegt, kann aber dennoch zumindest im Fond seine Kleinwagen-Gene nicht verstecken. In der zweiten Reihe geht es bei Knie- und Beinfreiheit reichlich eng zu, zudem touchieren größere Mitfahrer schon einmal mit dem Scheitel das Dach.

Zwar ist der Micra offiziell ein Fünfsitzer, doch drei Personen im Fond hält wohl auch Nissan für wenig ersprießlich. Deshalb ist die Rücksitzbank nur mit zwei Kopfstützen bestückt, eine dritte »Nackenrolle« hat für die mittlere von fünf Ausstattungslinien nicht einmal die Aufpreisliste im Programm.

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Recht ordentlich ausgefallen ist dagegen der Kofferraum. Zwischen 300 und 1004 Liter fasst das Ladeabteil mit der im Verhältnis 60:40 umklappbaren Rücksitzlehne. Das reicht locker für einen ausgiebigen Besuch beim Getränkehändler. Bei voller Inanspruchnahme der Ladekapazität müssen allerdings eine schräge Fläche und zudem eine Stufe im Gepäckraum in Kauf genommen werden.

Sinnvoll: Wo andere Hersteller den Dieselantrieb im Kleinwagensegment längst abgeschafft oder dessen Ende angekündigt haben, bietet Nissan den Micra im Gegensatz zur letzten Generation jetzt wieder mit einem Selbstzünder an. Das ist eine gute Entscheidung, denn der 1461 ccm große Vierzylinder mit 90 PS geht nicht nur recht kultiviert zu Werke, sondern ist auch erstaunlich temperamentvoll und durchzugsstark. 

Nur das nicht mehr ganz zeitgemäße Fünfgang-Schaltgetriebe nervt zuweilen. Denn in einigen häufig genutzten Geschwindigkeitsbereichen bleibt nur die Wahl zwischen ruckelig-untertourig oder lautstark-hochtourig.

Ob sich die Investition von 200 Euro für die auch im Testwagen verbaute Stopp-Start-Einrichtung lohnt, bleibt Ansichtssache. Nach dem Normverbrauch berechnet sind rund 40 000 Kilometer nötig, ehe sich der Aufpreis amortisiert. Und auch die CO2-Einsparung ist nicht gerade überwältigend. Auf den rund 2400 Testkilometern errechnete der Bordcomputer durch das automatische Abschalten des Motors einen 1,20 Kilogramm geringeren Ausstoß, was umgerechnet einer Wegstrecke von gerade einmal rund einem Dutzend Kilometern entspricht.

Abgestimmt: Recht ordentlich gelungen ist den Ingenieuren aus dem Land der aufgehenden Sonne die Abstimmung des beinahe exakt vier Meter langen Kleinwagens. Der Micra liegt satt auf der Straße und verhält sich auch in zügig umrundeten Kurven spurstabil und weitestgehend neutral. Die Federung ist ein Mix aus stößiger Härte und sanftem Komfort und lässt besonders auf holprigen Wegstrecken noch Luft nach oben. Aber vielleicht ist das auch so gewollt, denn knuddeliges Pummelchen war schließlich gestern.

Datenblatt

  • Motor: 4-Zylinder-Turbodiesel mit Common-Rail-Direkteinspritzung
  • Hubraum: 1461 ccm
  • Leistung: 90 PS bei 4000 U/min
  • Maximales Dreh­moment: 220 Nm bei 2000 U/min
  • Übersetzung: 5-Gang-Schaltgetriebe
  • Antrieb: Vorderrad­antrieb
  • Radstand: 2525 mm
  • Länge/Breite/Höhe: 3999/1734/1455 mm
  • Leer­gewicht: 1140 kg
  • Zulässiges Gesamtgewicht: 1590 kg
  • Anhängelast gebremst/ungebremst: 1170/
  • 555 kg
  • Wendekreis: 10,3 m
  • Beschleunigung 0 bis 100 km/h: 11,9 sec
  • Höchstgeschwindigkeit: 179 km/h
  • Normverbrauch: innerstädtisch: 3,5 l/100 km; außerstädtisch: 3,1 l/100 km; insgesamt: 3,2 l/100 km
  • CO2-Ausstoß: 85 g/km
  • Tankinhalt: 41 Liter
  • Testverbrauch: 4,71 l Diesel/100 km
  • Preis: 19 390 Euro