Fußball

Der Absturz des Karlsruher SC

Autor: 
Frank Ketterer
Lesezeit 7 Minuten
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29. April 2017
Jens Todt wird gerne als Sündenbock präsentiert.

Jens Todt wird gerne als Sündenbock präsentiert. ©Marvin Güngör

Es könnte auch Tränen geben heute Nachmittag im Wildpark. Es fließen doch immer Tränen, wenn ein Verein absteigt. An diesem Samstag in Karlsruhe braucht es dazu gar nicht sonderlich viel. Verliert der heimische Sportclub seine Zweitliga-
partie gegen den 1. FC Kaiserslautern oder spielt er auch nur unentschieden, ist er endgültig und unwiderruflich in die 3. Liga abgestiegen. Doch auch wenn der KSC das Spiel gewinnt, ist er darauf angewiesen, dass die Abstiegskonkurrenz patzt – und selbst dann wäre die Entscheidung, also der Abstieg, lediglich vertagt. 

Die Tränenwahrscheinlichkeit rund um den Adenauerring ist also relativ hoch. Für echte Fans ist Absteigen schließlich ein bisschen wie Sterben. Und wo gestorben wird, wird nicht selten nach dem Wie und dem Warum gefragt. Also: Wie konnte es so weit kommen mit einem Verein, der gerade eben noch an die Tür der 1. Liga geklopft hat? Warum steigt der KSC nur zwei Jahre, nachdem er den Bundesliga-Aufstieg unglücklichst verpasst hat, tatsächlich ab? 

Die Suche nach Erklärungen und Gründen für den rasanten Niedergang kann man wohl tatsächlich bei jener vermaledeiten Relegation vor zwei Jahren beginnen, also bei jenem unsäglichen Pfiff von Schiedsrichter Manuel Gräfe, der dem Hamburger SV letztendlich den Klassenerhalt gesichert hat. Nur ein paar Sekunden haben den KSC damals von Liga eins getrennt – auch damals gab es Tränen, selbst Spieler weinten hemmungslos. Dabei trägt Gräfe, das muss unbedingt angemerkt werden, keinerlei Schuld am folgenden Absturz der Badener in Liga drei, die Saat dazu freilich hat er schon gestreut. 

Abgang von Kauczinski

Denn letztendlich wurde auch der KSC von den posttraumatischen Begleiterscheinungen einer verlorenen Relegation erfasst, so wie auch andere Klubs schon vor ihm. Der Start in die neue Runde, die Saison 2015/16, fiel entsprechend schwer – und das nicht nur, weil Leistungsträger wie Zweitliga-Torschützenkönig Rouwen Hennings, Reinhold Yabo oder Philipp Max den Verein verlassen hatten. Lediglich auf Platz 14 rangierten die Badener nach der Hinrunde, dem Abstieg näher als einer neuerlichen Aufstiegschance. Erst in der zweiten Saisonhälfte fand die Mannschaft zu sich und landete schließlich noch auf Rang sieben. 

Für ein relegationsgeschädigtes Team war das zwar immer noch mehr als aller Ehren wert, den Weggang von Markus Kauczinski konnte es dennoch nicht verhindern. Im Oktober 2015 erklärte der Erfolgscoach, keinen neuen Vertrag beim KSC unterzeichnen zu wollen. Offiziell, weil er sich neuen Herausforderungen stellen wollte. Inoffiziell wegen »mangelnder Wertschätzung« seiner Arbeit durch die Vereinsführung. Bereits im September hatten Kauczinski und Sportdirektor Jens Todt öffentlich gemacht, dass das Präsidium die Vertragsverhandlungen mit dem Trainer – wohl als Folge der zäh verlaufenden Saison – ausgesetzt habe, eine Darstellung, die KSC-Präsident Ingo Wellenreuther unlängst als »nicht der Wahrheit« entsprechend bezeichnete. Es war nicht das erste Mal, dass die Wahrnehmungen der Protagonisten auseinanderklafften. 

Fakt ist: Der gebürtige Schalker Kauczinski, seit 14 Jahren im Verein, hat den KSC nicht nur von der Dritten Liga an den Rand der Bundesliga geführt, sondern dabei Spielzeit für Spielzeit junge Talente zu gestandenen Profis entwickelt, von denen der Verein nicht nur sportlich profitierte, sondern – im Transferfall – auch finanziell. Und Fakt ist auch, zumindest weiß man das heute: Mit Kauczinski ging dem KSC just jene Kontinuität, die unter seinem viereinhalbjährigen Wirken als Cheftrainer eingezogen war, wieder verloren – und mit ihr der Erfolg. 

Zumal sich die Suche nach einem Nachfolger ganz offenbar schwierig gestaltete – und relativ lange hinzog. Erst im März, nachdem Verhandlungen mit Tayfun Korkut in letzter Sekunden gescheitert waren, gab der KSC die Verpflichtung von Tomas Oral bekannt und stattete diesen sogleich mit einem Dreijahres-Vertrag aus. Aus heutiger Sicht kann diese Verpflichtung zweifelsohne als Kardinalsfehler benannt werden. Damals gab sie zumindest Anlass zur Verwunderung. Schließlich galt Oral in der Szene nicht nur als Trainer mit überschaubarem fußballtaktischen Wissen, sondern besonders menschlich als schwierig. Beides stellte er in Karlsruhe unter Beweis. Wohl auch deshalb hob Präsident Wellenreuther erst kürzlich explizit hervor, dass das »Gerücht, Oral sei ein Mann des Präsidenten gewesen, absurd« sei. Vielmehr sei es Todt gewesen, der den ehemaligen Trainer des FSV Frankfurt vorgeschlagen habe. Indes: Auch diesbezüglich gibt es unterschiedliche Versionen. Wort steht gegen Wort, Schilderung gegen Schilderung, ähnlich wie anschließend bei den Personalien Daniel Gordon und Dominic Peitz. 

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Beide waren Leistungsträger und Führungsspieler. Beide Konstanten hätte der KSC im Abstiegskampf dieser Saison gut gebrauchen können. Beide haben den KSC dennoch verlassen. Zusammen mit den Abgängen von Manuel Gulde, Sascha Traut, Jonas Meffert und Dimitrij Nazarov war es erneut ein ganz schöner Aderlass, den der KSC am Saisonende zu verkraften hatte. 

Keine Einheit geformt

Jene, die neu hinzukamen, waren jedenfalls zu keinem Zeitpunkt in der Lage, sie zu ersetzen. Oder so gesagt: Im Gegensatz zu Vorgänger Kauczinski gelang es Tomas Oral nicht, aus verbliebenen Spielern wie Hiroki Yamada, Enrico Valentini, Dimitris Diamantakos, Gaétan Krebs oder Manuel Torres und Neuzugängen wie Moritz Stoppelkamp, Franck Kom, Jordi Figueras, Yann Rolim oder Florian Kamberi in relativ kurzer Zeit eine auch nur einigermaßen funktionierende und konkurrenzfähige Mannschaft zu formen, obwohl die Qualität der Einzelspieler, so die allgemeine Lesart zu Saisonbeginn, zumindest für einen Mittelfeldplatz hätte gut sein müssen. Beinahe planlos probierte Oral sein Personal aus und würfelte es immer wieder durcheinander. Ein fester Stamm, ein Gerüst, konnte sich so nie und nimmer entwickeln, ebensowenig wie persönliches Selbstvertrauen oder gar Mannschaftsgeist. 

Die Trennung von Oral lag somit bald schon in der Luft. Noch bevor es dazu kam, ging freilich Jens Todt von Bord, der Sportdirektor. Das Verhältnis zwischen ihm und Wellenreuther galt schon länger als angekratzt. Immer wieder gab es Ungereimtheiten, gerade bei Personalien. Am Ende wirkte Todt zusehends frustriert und zog schließlich die Konsequenzen. 

Ein paar Tage, nachdem er dem Präsidium kundgetan hatte, seinen im Juli 2017 auslaufenden Vertrag nicht verlängern zu wollen, stellte ihn der KSC frei. Nur einen Tag später wiederum wurde Oliver Kreuzer als Nachfolger vorgestellt – also just jener Mann, unter dem der KSC schon in der Saison 2013/14 in die 3. Liga abgestiegen war und der sich danach, immerhin nach dem direkten Wiederaufstieg, eher unrühmlich Richtung Hamburger SV verabschiedet hatte. Kreuzers mehr oder weniger erste Amtshandlungen: Am 4. Dezember feuerte er Oral. Tabellen-16. mit zwölf Punkten aus 15 Spielen war der KSC zu jenem Zeitpunkt. Amtshandlung Nummer zwei: Kreuzer lotste Mirko Slomka in den Wildpark, den er aus gemeinsamen Hamburger Tagen kannte und der die Mannschaft Anfang Januar von Interimstrainer Lukas Kwasniok übernahm. 

Kader weiter aufgebläht

Die Verpflichtung des ehemaligen Champions-League-Trainers wurde weitgehend als Coup gefeiert. Im Rückblick gilt sie nur als weiterer Irrtum, wenigstens die Verantwortung für diesen war diesmal geklärt. Obwohl der Kader noch weiter aufgebläht wurde – Benedikt Gimber, Fabian Reese, Jonas Meffert sowie Stefan Mugosa kamen nochmals hinzu –, eine Spielstruktur vermochte auch Slomka, der mit den Karlsruher Gepflogen- und Begebenheiten nie so richtig warm wurde und stets seltsam fremdelnd wirkte, der Mannschaft nicht zu geben. Im Gegenteil: Fast schien es, als bewirke das Mehr an Spielern auch ein Mehr an Beliebig- und Planlosigkeit. Die Trennung am 4. April war, nach acht Punkten aus zehn Spielen, verbunden mit dem mittlerweile letzten Tabellenplatz, die fast schon logische Folge dessen – und der letzte Versuch, mit Marc-Patrick Meister, dem bisherigen U17-Trainer, das Ruder doch noch rumzureißen. 

Mittlerweile ist auch dieser Versuch gescheitert. Der KSC ist nun mal die schlechteste Mannschaft in dieser Zweiten Liga. Heute kann er absteigen. Endgültig. Unwiderruflich. Es ist wirklich zum Heulen.

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