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Fußball

Marcel Reif: Ich habe meinen Traum gelebt

Interview mit dem Schweizer Fußball-Kommentator in Rust zum Abschied beim TV-Sender Sky, zur EM in Frankreich und Kritik an seiner Person
07. Juni 2016
&copy Peter Heck&copy Peter Heck

Geliebt und gehasst – Marcel Reif polarisierte als Fußball-Reporter im Fernsehen wie kein anderer. Am Samstag vor einer Woche beim Champions-League-Finale Real gegen Atlético Madrid (5:3 n. E.) verabschiedete sich der 66-jährige Wahlschweizer nach 17 Jahren vom Sky-Mikrofon. Die Mittelbadische Presse hat ihn zum Interview getroffen.  

Viele werden sein Gespür für Sprache, seine feine Ironie und auch sein beein­druckendes Fachwissen vermissen. Andere reiben sich dagegen ob seines Abgangs die Hände: Ein Bayern-Fanclub lud zur Freudenfeier ein, und auch viele Dortmunder Anhänger dürften das Ende der Ära Reif als Live-Kommentator im TV mit Applaus begleiten. »Mich hat Kritik nie sonderlich berührt. Ich weiß, was ich kann«, meinte Marcel Reif am Freitag im Europa-Park in Rust, wo er am gleichen Abend als Moderator bei der Wahl zur Miss-EM fungierte und während der am Freitag beginnenden Europameisterschaft als Experte von Sat.1 das Fußball-Geschehen in Frankreich in vier Sendungen analysiert. Außerdem ist er ab sofort als Fußball-Kolumnist bei der Wochenzeitung »Die Zeit« tätig. Im Gespräch mit der Mittelbadischen Presse sprach der in Polen geborene und in Deutschland aufgewachsene Reif auch noch über die Zukunft des Fußballs, ein erfülltes Berufsleben und die EM-Chancen von Weltmeister Deutschland.

War das Champions-League-Finale mit Verlängerung und Elfmeterschießen ein Abschied vom Mikro nach Ihrem Geschmack?

Marcel Reif: Ja in jedem Fall. Das ganze Spiel war so. Es zog sich lange genug, war wichtig genug. Ich gebe aber zu, dass ich mit einem anderen Ausgang auch gut hätte leben können. Ich finde, dass, wer die Bayern und auch Barcelona in zwei Spielen schlägt, den Sieg in der Champions League verdient gehabt hätte. Atlético spielt mit Herz und Leidenschaft. Das ist noch alter Fußball, wie er mal war. Weniger Schach.

Geht die Entwicklung im Fußball immer mehr zum Schach, also Mannschaften haben 70 Prozent Ballbesitz?

Reif: Ja. Alles Schachspieler. Guardiola setzt das Maß, und Tuchel folgt.

Wie geht es denn jetzt mit den Bayern und Ancelotti weiter?

Reif: Es werden die besten Bayern, die wir je erlebt haben. Sie werden noch eine Klasse besser, weil sie losgelöst von Dingen spielen, die vielleicht nicht so toll waren. Guardiola hat die Bayern auf ein sehr hohes Level gebracht. Die Bayern sind die beste Mannschaft der Welt. Keine Mannschaft hat dieses Spektrum. Nicht Barcelona, niemand. Guardiola hat den Bayern unglaublich viel beigebracht. Das muss zwar nicht dazu führen, dass man am Ende gewinnt. Aber keine Mannschaft kann, was die Bayern können. Doch das alles spielte sich in einem kühlen, nicht übermäßig herzlichen Klima ab. Ancelotti ist der Letzte aus einer Generation, wo auch noch ein gutes Klima etwas zählt. Und wenn diese Mannschaft mit dem, was sie gelernt hat, auch noch fröhlich umgehen kann, werden sich alle wundern, die denken, die Bayern lassen nach. Ancelotti ist kein Teddybär. Er hat dreimal die Champions League als Trainer gewonnen.

Noch mal zurück zu Ihrem Abschied vom Sky-Mikrofon: War auch ein bisschen Wehmut dabei?

Reif: Ja, ja. Ausreichend. Nach Spielschluss im Auto, als SMS und Mails von ganz vielen Leuten kamen.  

War Ihr »Und, achja, tschüss« in Mailand wirklich der letzte Reif-Auftritt als Fußball-Live-Reporter?

Reif: Das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich habe immer gesagt, das war das Ende einer wunderbaren und langen Reise mit Sky. Wo ich ohne Groll und in Dankbarkeit mit besten Beziehungen gehe. 

Hatten Sie sich Ihre letzten Worte überlegt, oder kam das spontan?

Reif: Das hätte sich nicht gehört. Ich bekomme mein Geld von einem Sender, der mich zu einem Champions-League-Finale schickt. Und auch das Spiel selbst hat mir jeden Anflug in diese Richtung verbeten – oder unmöglich gemacht. Zum Glück. Das Finale war spannend und wichtig genug. Ich nehme mich schon wichtig. Doch das konnte man in Ruhe laufen lassen.

Im Frühjahr letzten Jahres haben Sie von vielen Fußball-Fans eins auf den Deckel gekriegt. Beim Revierderby in Dortmund wurde Ihr Auto durchgeschüttelt, beim Pokalspiel in Dresden wurden Sie von einem BVB-Anhänger mit einem Bierbecher beworfen oder auch im Netz gab es schlimme Beleidigungen. Wunderte es Sie, dass Sie auf einmal selbst so im Fokus standen?

Reif: Nein. Dass das heutzutage so ist, damit muss man leben. Davon profitiere ich ja auch. Diese Popularität hat mich über die Jahre ja auch gut genährt. Allerdings hat mich die Heftigkeit und das Ausmaß entsetzt. Zum Glück wurde das repariert aus der Ecke, aus der es kam. Wenn das nicht gewesen wäre, oder ich wäre der einzige gewesen, den das entsetzt hätte, hätte ich am nächsten Tag aufgehört. Das Spektrum mit Beleidigungen wie Bayern-Arsch oder Dortmund-Sau ist super bezahlt. Das ist völlig wurscht, gehört dazu. Aber was im Frühjahr letzten Jahres passierte, den Hass in den Gesichtern, kriege ich im Fußball nicht unter.  

Hat die Intensität der Ablehnung in den letzten Jahren zugenommen?

Reif: Ja. Mein alter Kumpel und früherer Assistent Bela Rethy nennt das asoziale Medien. Ich mit meiner privaten Familiengeschichte kann mit Anonymität und anonymer Mehrheit ganz wenig anfangen. Da sträuben sich mir sofort die Nackenhaare. Damit habe ich ein Problem. Diese Medien befördern das. Das ist schlimm. Mein Anspruch an Kommunikation und Kritik ist enorm hoch, dazu gehört, dass man seinen Namen nennt und sich in die Augen schaut. Das geht nicht über Daumen hoch oder Daumen runter – oder über einen Knopf, und im Anschluss heißt es, dass es eine Facebookseite »Kommentarverbot für Marcel Reif« mit 75 000 Klicks gibt. Das führt zu einer Form von Pseudo-Kommunikation. Damit kann ich nichts anfangen. Ich habe mich davon aber auch nicht übermäßig beeindrucken lassen. Privat nehme ich das anonyme Zeug nicht zur Kenntnis.  

In den vergangenen 30 Jahren hat sich auch der Fußball verändert: Gefällt Ihnen die Entwicklung?

Reif: Ich war mit eine treibende Kraft in diesem Geschäft. Ich habe dazu beigetragen, wohin sich der Fußball entwickelt hat. Deshalb dürfen Sie mich das nicht fragen. Ich mag aber auch nicht rum­heucheln. Da ist viel Geld drin. Die Bayern werden Meister, Dortmund wird Zweiter und Guardiola wird Manchester City zu einem Monster machen. Und von Leicester spricht nächste Saison in England niemand. Und auch mein Verein Kaiserslautern wird nicht wieder aus der 2. Liga zur Meisterschaft durchmarschieren.

Sie haben in 17 Jahren bei Sky/Premiere, 22 für das ZDF und fünf bei RTL unzählige Spiele kommentiert: Was bleibt von so einer langen und auch ereignisreichen Zeit hängen?

Reif: Dass ich meinen Traum leben konnte und einen Traumjob hatte. Dass ich mit heute 66 Jahren wie ein kleiner Junge dem Ball hinterherrennen konnte. Das bleibt mir.

Welches waren Ihre schönsten Spiele/Erlebnisse?

Reif: So etwas gibt es nicht.  Alles hatte seine Momente. Ich habe bis zum Schluss immer gesagt. Das beste Spiel kommt noch. Ich habe das Ranking sehr früh aufgehört. Wenn man als junger Spund anfängt, will man unbedingt mal ein WM-Finale kommentieren. Ich habe vier oder fünf kommentiert. Dazu 21 oder 22 Champions-League-Finals. Das ist alles abgespult. Auch die Stadien, die man mal sehen will. Alles durch – vielleicht noch Maracanã in Brasilien. Im Spiel selber habe ich sehr bald gelernt: Jedes Spiel hat seine Geschichte. 

Sie sind bei der EM zwar nicht als Live-Kommentator im Einsatz, doch Sie analysieren das Turnier, die Spiele und Spieler für verschiedene Medien: Was erwarten Sie von den europäischen Titelkämpfen in Frankreich?

Reif: Ich hoffe, dass alles friedlich und sicher abläuft. Denn generelle Sicherheit gibt es bei so einer Veranstaltung nicht. Ich lebe in Zürich in einer Sackgasse außerhalb der Stadt. Wenn ich mich da verkrieche, bin ich ziemlich sicher. Allerdings bin ich lieber tot, als dass ich mir mein normales Leben so zerstören ließe. Unabhängig aller Sicherheitsbedenken, hoffe ich, dass sich ein paar von den Kickern wieder ein bisschen erholen bis zur EM und nicht nur mit Krämpfen in der Gegend rumfallen. Spätestens da müsste man doch merken, dass jenseits aller Kommerzialisierung irgendetwas falsch läuft. Was aus denen rausgepresst wird, ist unglaublich. Beim DFB-Pokal- oder Champions-League-Finale mussten Spieler ab der 70. Minute wegen Krämpfen behandelt werden.

Eine Erkenntnis scheint es aber nicht zu geben, sonst hätte man das EM-Turnier doch nicht auf 24 Mannschaft aufgebläht...

Reif: Das ist das Ärgerlichste für mich, dass ein Herr Platini, den ich als Fußballspieler seit meiner ersten EM 1984 geliebt und bewundert habe, einer also, der den Fußball als Akteur kennt, so etwas mit 24 Mannschaft macht. Und dann gibt es in den Jahren zwischen EM und WM noch einen Nationencup. Das ist alles Herr Platini, der einen Wettbewerb nach dem anderen erfindet. Das ist schlimmer als ein Bergbauer aus dem Wallis, der – wenn es stimmt, dass er sich als Fifa-Boss um Millionen persönlich bereichert hat – sich  jetzt als mieser geldgieriger Drecksack entpuppt hat. Dabei habe ich Herrn Blatter vorher immer verteidigt. Er ist ein charmanter Typ. Ich hätte nie gedacht, dass er sich persönlich bereichert. Das hat der Fußball nicht verdient. Platini ist für mich allerdings noch schlimmer. Platini, der selbst gespielt hat, weiß genau, wie es ist. Mal gucken, wann im EM-Finale die Krämpfe kommen.

Was erwarten Sie vom deutschen Team?

Reif: Keine Frage. Deutschland ist Weltmeister und Mitfavorit. Auch der Kader ist gut genug. Es wird keine Frage der Aufstellung, sondern ob  Deutschland die Einstellung hinkriegt. Denn junge Menschen neigen dazu, zu sagen: »Wir sind Weltmeister. Der Rest läuft doch von allein.« Alle anderen Mannschaften wollen aber den Weltmeister schlagen. Ich glaube die Franzosen sind Topfavorit. Sie spielen zu Hause und haben wieder eine Nationalmannschaft. Auch Spanien hat wieder eine Nationalmannschaft. An England glaube ich erst, wenn ich sie sehe. Belgien ist super, doch es ist wieder ein Abwehrspieler verletzt. Belgien hat eine tolle Generation, doch nur acht richtige Weltklasseleute.

Was trauen Sie Ihrer Wahlheimat Schweiz zu?

Reif: Ich finde das, was die Schweizer machen, überragend. Die sind als Acht-Millionen-Völkchen immerhin bei  jedem Turnier dabei und pusten eine jede Menge Spieler in die Bundesliga. Holland sitzt dagegen da und kaut bei dieser EM Fingernägel. Ich bin ein großer Fan von der Schweiz.

Und was ist mit Österreich?

Reif: Ich darf das ja meiner Frau nicht sagen, aber ich bin verliebt in David Alaba. Das ist ein wunderbarer Kerl. Sogar mit dieser Frisur, auch wenn sie nervt, zumal er denselben Friseur wie Koman hat. Alaba ist ein Spieler, der ein riesiges Spektrum hat. Er hat schon 25 Posten gespielt. Österreich ist eine schöne Geschichte. Die spielen schönen Fußball, haben die Gruppe gewonnen und sind keine Profiteure von Platini. Italien dagegen nervt. Die schießen keine Tore, kriegen aber auch keine. Gegen die muss man alles schwer erarbeiten.

Zum Abschluss noch zwei regionale Frage: Zum einen: Warum machen Sie als Schirmherr beim Ortenauer Projekt »team4winners« der Rotarier und des Lionsclubs zur Integration von Flüchtlingen mit?

Reif: Ich war selbst Flüchtling und wurde über Fußball und Schule integriert. Sonst wäre es nichts geworden, da ich keine Sprache konnte. Allerdings ist die Flüchtlingsproblematik heute eine ganz andere.

Die letzte Frage geht an den Genussmenschen Marcel Reif: Welchen Wein bevorzugen Sie: Riesling oder Spätburgunder – schließlich sind sie mit dem Durbacher Winzer Heinrich Männle verwandt, seit Sie 2010 die Münchner Gynäkologin Marion Kiechle geheiratet haben?

Reif: Das kommt drauf an. Wenn der Abend anfängt, gerne Riesling, Riesling, Riesling. Und dann der Spätburgunder meines Schwagers - das ist großes Kino.

Autor:
Rüdiger Rüber

Zur Person

Marcel Reif

Geboren: 27. November 1949 in Walbrzych/Polen, emigriert nach Israel (1956), aufgewachsen in Deutschland (ab 1958)

Staatsangehörigkeit: Schweizer

Wohnort: Zürich (Schweiz)

Familie: verheiratet, drei Söhne aus erster Ehe

TV-Karriere: 1972 bis 1994 beim ZDF, 1994 bis 1999 bei RTL, 1999 bis 2016 bei Sky/Premiere
Auszeichnungen: MIRA-Award 2012, Grimmepreis 2003, Deutscher Fernsehpreis 2002, Bayerischer Fernsehpreis 1998 für den Kommentar zum Champions-League-Spiel Real Madrid – Borussia Dortmund, als vor dem Spiel das Tor umfiel und Reif gemeinsam mit Günther Jauch die Wartezeit bis zum 76 Minuten verspäteten Spielbeginn mit Plaudereien überbrückte. Legendär ist das Zitat: »Nie hätte ein Tor einem Spiel so gutgetan wie heute.«