Brandbrief vom Sport

„Es geht ums nackte Überleben“

Autor: 
Gunter Barner
Lesezeit 5 Minuten
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25. März 2020
Der Breitensport steht vor verschlossen Türen und Toren: Die Vereine haben Kosten, aber keine Einnahmen.

Der Breitensport steht vor verschlossen Türen und Toren: Die Vereine haben Kosten, aber keine Einnahmen. ©Foto: Pressefoto Baumann/Alexander Keppler

In Württemberg gibt es 5700 Vereine mit rund zwei Millionen Mitgliedern in höchster Not: WLSB-Präsident Andreas Felchle fürchtet um die bewährten Strukturen der Sportkultur – er bittet das Land um Hilfe.

Stuttgart - Ein Brandbrief von Sportbundchef Andreas Felchle ist auf dem Weg zu Kultusministerin Susanne Eisenmann – die Vereinskultur in Baden-Württemberg ist durch das Coronavirus in finanziellen Schwierigkeiten und existenziell bedroht.

Herr Felchle, vermutlich ist es ein Glück, Sie überhaupt ans Telefon zu bekommen.

Ich will mal so sagen: Es gibt ja in diesen Tagen auch reichlich Gesprächsbedarf. Nicht nur im Sport, auch hier in Maulbronn.

Ist die Verschiebung der Olympischen Sommerspiele der richtige Schritt?

Absolut. Die gesundheitlichen Risiken für alle Beteiligten wären zu groß gewesen. Auch die Chancengleichheit unter den Sportlern war nicht mehr gewährleistet.

„Gewisses Verständnis fürs IOC“

Hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) zu lange gezögert?

Ich habe schon ein gewisses Verständnis dafür. Immerhin hat das für das Gastgeberland Japan enorme wirtschaftliche Konsequenzen. Und dann gibt es ja auch noch das Prinzip der olympischen Idee, dass die Spiele eben alle vier Jahre stattfinden sollen.

Die 5700 Sportvereine mit 2,1 Millionen Mitgliedern in Württemberg sorgen sich um ihre Zukunft.

Das ist noch gelinde ausgedrückt. Für viele Vereine geht es ums nackte Überleben.

Die Fixkosten bleiben, die Einnahmen brechen weg.

So kann man die Krise zusammenfassen. Es ist eben so, dass unsere größeren Vereine, darunter viele Turn- und Sportvereine mit einem breit gefächerten Angebot, in Teilen hauptamtlich strukturiert sind. Anders geht das in diesen Größenordnungen ja gar nicht mehr. Aber wie soll man Gehälter zahlen, wenn die Kundschaft wegbricht?

Das klingt nach einer Massenflucht der Mitglieder.

Um Himmels Willen, so ist es gottlob nicht. Aber die Vereine spüren schon, dass eine gewisse Zahl an Mitgliedern, die für eine Dienstleistung zahlen, die sie derzeit nicht bekommen, mit der Kündigung der Mitgliedschaft reagieren.

Der Sport versteht sich doch selbst als große Solidargemeinschaft.

Richtig ist, wir sind einer der großen gesellschaftspolitischen Player. Denken Sie nur an Themen wie Integration, Inklusion, Seniorenarbeit oder die motorische Grundausbildung unserer Kinder. Aber wer Angst hat, dass er seinen Job verliert, womöglich monatelang mit dem Kurzarbeitergeld auskommen muss, der achtet mehr denn je auf seine Ausgaben.

„Die Stützen der Vereine nicht im Stich lassen“

Der Sport braucht Hilfe. Woher kann sie kommen?

Wir müssen darauf achten, dass wir nach der Corona-Krise nicht vor einer Sportlandschaft stehen, in der ehrenamtliche Helfer, Übungsleiter, Minijobber oder andere geringfügig Beschäftigte im Sport den Bettel im Frust reihenweise hingeworfen haben. Wir dürfen die Stützen unserer Vereine nicht im Stich lassen. Es gibt Vereine, die für Sportveranstaltungen in Vorleistungen gegangen sind, die jetzt nicht stattfinden könne. Die wissen jetzt nicht, wie sie das Defizit ausgleichen sollen. Wir haben ja bereits einen staatlichen Hilfsfonds angeregt. Und wir appellieren an die Solidarität der Vereinsmitglieder.

Wie kann sich der Sport selber helfen?

In vielen kleineren Vereinen wird bereits kräftig umorganisiert, um die Lasten zu schultern. Es gibt die Bitte an den Württembergischen Landessportbund (WLSB), die zweite Jahresrate der Mitgliedsbeiträge, die Im Mai fällig werden, zu erlassen.

Und?

Das würde ein Loch von sechs Millionen Euro in die Kasse reißen. Wir müssen ja auch die Gehälter unserer Mitarbeiter auf der Geschäftsstelle zahlen. Grundsätzlich ist das nur möglich, wenn uns das Land finanzielle Hilfen zusagt über die jährlichen Mittel des Solidarpakts III hinaus.

WLSB-Präsident Andreas Felchle

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Andreas Felchle wurde am 30. Januar 1962 geboren. Er wuchs in Esslingen-Berkheim auf. Der dortige TSV ist bis heute sein Heimatverein.

Abitur machte er am Schelztorgymnasium Esslingen. Der Diplom-Verwaltungswirt (FH) ist seit Sommer 1992 Bürgermeister der Stadt Maulbronn. Er ist evangelisch, seit 24 Jahren verheiratet mit Heike ­Felchle. Tochter: Rebecca (18).

Der Vorstand des Württembergischen Landessportbunds wählte ihn am 14. Februar 2017 zum neuen Präsidenten. Seit 2012 war er Vizepräsident für Finanzen im WLSB, dem 52 Sportfachverbände und 5700 Vereine mit rund zwei Millionen Mitgliedern angehören. (StN)

An welche Summe denken Sie konkret?

Das ist jetzt mitten in der Krise noch nicht abschätzbar. Aber ohne eine mindestens zweistellige Millionensumme im mittleren Bereich wird es wohl kaum gehen.

Müssen Sie fürchten, dass dem Profisport vorrangig geholfen wird, weil dort wirtschaftlich noch mehr auf dem Spiel steht als im Breitensport?

Wenn die in vielen Reden unserer Politik geäußerte Wertschätzung nicht nur ein Lippenbekenntnis ist, dann weiß man um die Bedeutung breitensportlicher Vereinsarbeit. Ich bin da sehr zuversichtlich.

Gibt es schon Reaktionen aus der Politik auf die Bitten des Vereinssports?

Bis jetzt nicht. Mein Brief an Sportministerin Susanne Eisenmann ist unterwegs. Aber da bin ich ganz ehrlich. Es gibt jetzt viele gesellschaftliche Bereiche, die dringend Hilfe brauchen. Wir beanspruchen keine bevorzugte Behandlung.

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