Wiesmoor

Schick oder spießig? Neues Image für den Weihnachtsstern

Autor: 
dpa
Lesezeit 5 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
06. Dezember 2018
Rund 700 Betriebe ziehen nach den Zahlen des Statistischen Bundesamtes in Deutschland Weihnachtssterne auf.

Rund 700 Betriebe ziehen nach den Zahlen des Statistischen Bundesamtes in Deutschland Weihnachtssterne auf. ©dpa - Mohssen Assanimoghaddam

Mitten in der winterlich-grauen Landschaft blüht ein leuchtendes Farbenmeer. Gelb, zartes Rosa, knalliges Pink, der überwiegende Teil jedoch erstrahlt in sattem Rot.

Auf 30.000 Quadratmetern wachsen in der Gärtnerei Dehne im ostfriesischen Wiesmoor Weihnachtssterne in allen Größen und Farben. Für viele Menschen gehören diese zur Adventszeit wie Plätzchen und Glühwein. Doch der Absatz bröckelt. Neue Züchtungen, hippere Farben und mehr Nachhaltigkeit sollen das mitunter altbackene Image aufpolieren.

Seit den 1960er Jahren schmückt die ursprünglich aus Mittelamerika stammende Pflanze mit den sternförmigen Blättern bei uns die weihnachtlichen Wohnzimmer und Festtafeln. «Der Weihnachtsstern ist die klassische Weihnachtsblume», sagt Peter Tiede-Arlt, Versuchsleiter für Zierpflanzen bei der Landwirtschaftskammer (LWK) Nordrhein-Westfalen. Zumindest gilt das für Deutschland, die Niederlande und Italien. In anderen Ländern wird er das ganze Jahr über gekauft.

Etwa 32 Millionen Weihnachtssterne haben die deutschen Blumenhändler, Bau- und Supermärkte nach Angaben der Marketing-Initiative Stars for Europe in der vergangenen Saison verkauft. Das sei ein Rückgang von 20 Prozent in den vergangenen zehn Jahren, sagt Rainer Krämer von der Initiative, die den Verkauf von Weihnachtssternen europaweit fördern will. Er erklärt das vor allem mit dem geringeren Interesse an blühenden Zimmerpflanzen insgesamt, deren Verkauf im selben Zeitraum um 25 Prozent gesunken ist. «Um lebende Pflanzen muss man sich kümmern», sagt Krämer. Dafür hätten viele Menschen heute keine Zeit mehr oder kein Händchen.

Doch es ist auch der Weihnachtsstern an sich, der nicht mehr so selbstverständlich zieht. «Wir haben gesehen, dass der Standardstern an Image verloren hat», sagt Dirk Ludolph, Zierpflanzenexperte bei der LWK Niedersachsen. Einst war der Weihnachtsstern die Topfpflanze Nummer Eins in Deutschland, inzwischen hat die Orchidee ihn überholt. Besondere Formen und Züchtungen wie gedrehte Stämmchen oder Blätter in Knallpink sollen deshalb wieder mehr Käufer - vor allem auch junge Leute - ansprechen.

Für die Gärtnereien bedeutet das mehr Handarbeit. Gleichzeitig stagnieren die Preise für die Weihnachtssterne. «Man bekommt ihn an jeder Ecke - auch beim Discounter», erläutert Experte Tiede-Arlt. Die Konsequenz: Manche Betriebe haben sich inzwischen komplett vom Weihnachtsstern verabschiedet. Andere spezialisieren sich dagegen auf die exotische Pflanze und versuchen, über große Mengen die hohen Produktionskosten reinzuholen.

- Anzeige -

Rund 700 Betriebe ziehen nach den Zahlen des Statistischen Bundesamtes in Deutschland Weihnachtssterne auf, die meisten davon in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Bayern. Die Gärtnerei Dehne gehört nach eigenen Angaben zu einer der größten für Topfpflanzen in Deutschland. 1966 haben die Eltern von Lars Dehne den Betrieb gegründet. Den Weihnachtsstern hatten sie von Anfang an im Sortiment. Auch der Sohn setzt weiterhin auf den Adventsklassiker - allerdings mehr aus Tradition denn aus unternehmerischem Kalkül. Gewinn macht er damit nicht.

«Wir sind froh, wenn das kostendeckend ist», sagt der 44-Jährige. «Der Weihnachtsstern ist ein Produkt fürs vierte Quartal, um in der verkaufsschwachen Zeit die Gewächshäuser auszulasten.» Und um die 75 Mitarbeiter der Gärtnerei weiter beschäftigen zu können. Einer von ihnen steht gerade mitten in dem roten Blumenmeer, das bei warmen 20 Grad gedeiht. Gekonnt dreht er die Töpfe in der Hand, zupft einzelne verwelkte Blätter ab und zieht anschließend eine schützende Folie über die Pflanzen.

Gerade ist ein Lastwagen in der Gärtnerei vorgefahren, der mehrere Hundert der so verpackten Weihnachtssterne an eine Hamburger Blumenfachhandelskette liefern soll. Etwa 600.000 werde er in diesem Jahr bis Weihnachten verkaufen, schätzt Dehne. Viele davon stammen aus Stecklingen, die die Gärtnerei selbst gezogen hat - als eine der wenigen in Deutschland, die das überhaupt noch selbst macht. Die meisten Betriebe bekommen ihre Stecklinge von Mutterpflanzen, die in Ostafrika wachsen. Diese kommen per Flugzeug nach Deutschland.

Trotzdem sei das aus ökologischer Sicht sinnvoller, als Mutterpflanzen in Deutschland zu halten, sagt Weihnachtsstern-Vermarkter Krämer. Diese brauchen viel Wärme und Licht, mehr als selbst das Klima in Südeuropa hergibt. Ein weiterer Grund sind nach Angaben von Ludolph die niedrigeren Löhne in Afrika, da Arbeiter jeden Steckling einzeln per Hand schneiden müssen. Die Gärtnerei Dehne leistet sich den Luxus eigener Mutterpflanzen, wie ihr Besitzer betont, auch um das Wissen über die Weihnachtssternzucht im Betrieb zu bewahren.

Dabei setzt die Gärtnerei verstärkt auf Nachhaltigkeit: Die Energie kommt aus einem Biomassekraftwerk um die Ecke, das Holz aus der Landschaftspflege verwendet. In den Töpfen kommt Erde mit geringerem Torfanteil zum Einsatz, die Paletten sind wieder verwendbar, Dünger und Pflanzenschutz möglichst biologisch.

Auch der LWK-Experte Tiede-Arlt sieht deshalb den größten Trend beim Weihnachtsstern in der nachhaltigen Produktion. Neue Farben wie puristisches Weiß oder trendiges Pink kämen gerade mal auf einen Marktanteil von 10 bis 20 Prozent. Die meisten Menschen kaufen also noch immer das klassische Rot - aber lieber mit gutem Gewissen. «Der Weihnachtsstern ist sehr emotional besetzt», sagt Tiede-Arlt. «Da will keiner eine Pflanze auf dem Tisch stehen haben, die mit irgendwas belastet ist oder einen schlechten CO2-Fußabruck hat.»

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeigen
15.02.2019
Bars, Musik, Kostümprämierung
Schon siebenmal fand der Gammlerball in Kehl bislang am Schmutzigen Donnerstag statt. In diesem Jahr ist das anders. Erstmals wird in der Stadthalle am Fasnachtssamstag gefeiert. Neben DJ Vuko sorgen verschiedene Narrenzünfte und die Gammlerbänd Willstätt für die Musik. Mit der Terminänderung aufs...
13.02.2019
Manufaktur für orthopädische Leistungen
Sie tragen uns im Laufe unseres Lebens durchschnittlich 180.000 Kilometer – unsere Füße. FUSS ArT, die Manufaktur für orthopädische Leistungen rund um den Fuß, ist seit Anfang Februar 2019 in der Moltkestraße 30-32 in Offenburg am Start und bietet ihren Kunden ein umfassendes Leistungsspektrum und...
04.02.2019
Offenburg
Das Braun Möbel-Center bietet Wohnmöbel in vielen Formen, Farben und Materialien. Vom 7. bis zum 9. Februar findet auf dem Gelände die dreitägige Möbelmesse statt. Hier können die Kunden in verschiedenen Themenwelten die aktuellsten Wohntrends entdecken. Neben einem großen Sonderverkauf gibt es...
03.01.2019
Die eigene Firma zu gründen ist auch dank der Digitalisierung heute nicht mehr schwer – aber wie geht es dann weiter? Wie kleine und mittelständische Firmen erfolgreich werden, zeigen zwei Jungunternehmer bei einem Vortrag am 26. Januar in der Offenburger Oberrheinhalle.

Weitere Artikel aus der Kategorie: Wirtschaft

vor 15 Stunden
Debatte in der CDU
Die von Gesundheitsminister Jens Spahn vorgeschlagene Beitragsentlastung bei Betriebsrenten und anderen Formen der berufsbezogenen Altersvorsorge scheint in weite Ferne gerückt zu sein. Darüber sprach die Mittelbadische Presse mit dem Chef der Mittelstandsvereinigung von CDU und CSU, Carsten...
Das Handwerk dringt auf Rückkehr zur flächendeckenden Meisterpflicht.
15.02.2019
Berlin
Der Bundesrat hat sich für eine Rückkehr zur Meisterpflicht in vielen Handwerksberufen ausgesprochen.
Deutsche Finanzinstitute sind gegenwärtig an der Börse ziemlich niedrig bewertet.
15.02.2019
Frankfurt/Berlin
Finanzstaatssekretär Jörg Kukies betrachtet die vergleichsweise niedrigen Börsenwerte deutscher Banken mit Sorge.
Die USA haben mit neuen Strafzöllen gedroht, sollte es bis dahin keine Einigung bei den Handelsgesprächen geben.
15.02.2019
Peking
Die USA und China haben die Verhandlungen zur Beilegung ihres Handelsstreits in Peking fortgesetzt.
Für das Jahr 2017 hatte Daimler 125 beziehungsweise 128 Gramm CO2 pro Kilometer für seine Mercedes-Neuwagenflotte ausgewiesen.
15.02.2019
Stuttgart
Die Vorliebe der Kunden für große Autos und die neuen Abgasvorschriften hinterlassen ihre Spuren in der Klimabilanz des Autobauers Daimler.
Als die Preise von Bitcoin & Co abstürzten, sank auch die globale Nachfrage nach der Computertechnik, mit der man die virtuellen Münzen schürfen kann.
15.02.2019
Santa Clara
Das Weihnachtsquartal ist für den Grafikkarten-Spezialisten Nvidia wie bereits angekündigt mies verlaufen.
Die Zahl der Zulassungen in der EU fiel den Angaben zufolge um 4,6 Prozent auf knapp 1,2 Millionen Fahrzeuge, verglichen mit den Zeitraum ein Jahr zuvor.
15.02.2019
Brüssel
Der europäische Automarkt hat auch im neuen Jahr nachgegeben. Im Januar sei die Nachfrage für Passagierfahrzeuge den fünften Monat in Folge gesunken, teilte der Branchenverband Acea mit.
15.02.2019
Straßburg/Entzheim
Lidl ist in Frankreich Marktführer unter den Discountern. Der Ausbau der Präsenz hat weitere Investitionen nach sich gezogen.
Die Skyline und Wasserfront von Long Island City im New Yorker Stadtteil Queens. Hier hatte Amazon erwogen einen Hauptsitz zu eröffnen.
14.02.2019
New York/Seattle
Amazon hat seine Pläne für einen neuen großen Standort in New York gestrichen. Der weltgrößte Online-Händler verwies dabei am Donnerstag vor allem auf Widerstände aus der Lokal-Politik. Die geplante Ansiedlung in Long Island City im Stadtteil Queens war Ergebnis einer groß angelegten Suche nach...
Zu Beginn der Reservierungen hatte Tesla noch ein Massenmodell für 35.000 Dollar in Aussicht gestellt. Bislang liefert das Unternehmen aber teurere Versionen aus, um die vom schwierigen Produktionsanlauf angegriffenen Finanzen aufzubessern.
14.02.2019
Frankfurt/Main
Tesla hat fast drei Jahre nach dem Start der Reservierungen mit der Auslieferung seines Hoffnungsträgers Model 3 in Deutschland begonnen. Die ersten Besitzer nahmen ihre Elektroautos in Frankfurt in Empfang.
Für dieses Jahr rechnet das Kfz-Gewerbe allerdings, dass sich die Diesel-Problematik entspannt.
14.02.2019
Berlin
Nicht nur Diesel-Fahrer leiden unter dem Wertverlust ihrer Fahrzeuge - auch die Autohäuser ächzen unter der Krise.
14.02.2019
Ausbau Rheintalbahn
Der seit Jahren schwelende Streit um die Zugzahlenprognose für den künftigen Ausbau der Rheintalstrecke in Südbaden ist beigelegt. Die für den Lärmschutz maßgeblichen Zugzahlen für 2025 und 2030 seien identisch, wie acht Bundestagsabgeordnete von CDU, SPD, Grünen und FDP gestern in einer...