Hannover/Leipzig

Was sind die Alternativen zum Kükentöten?

Autor: 
dpa
Lesezeit 4 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
12. Juni 2019
Mehr zum Thema
Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig muss als höchste Instanz klären, ob das massenhafte Kükentöten mit dem Tierschutzgesetz vereinbar ist.

Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig muss als höchste Instanz klären, ob das massenhafte Kükentöten mit dem Tierschutzgesetz vereinbar ist. ©dpa - Peter Endig

Millionen männlicher Küken werden jährlich vergast, weil ihre Aufzucht unwirtschaftlich ist: Nach jahrelangem Rechtsstreit um die Brüder von künftigen Legehennen rückt eine Entscheidung näher.

Geflügelzüchter und Tierschützer blicken am Donnerstag (13. Juni) mit Spannung nach Leipzig, wo die Bundesrichter ihr Urteil verkünden wollen. Nordrhein-Westfalen hatte 2013 seinen Brütereien verboten, die männlichen Küken nach dem Schlüpfen zu eliminieren. Zwei Betriebe klagten dagegen und bekamen Recht. Das Bundesverwaltungsgericht muss als höchste Instanz nun klären, ob das massenhafte Kükentöten mit dem Tierschutzgesetz vereinbar ist. Entscheidend wird sein, ob es Alternativen zum Vergasen von jährlich laut Bundesagrarministerium rund 45 Millionen Junghähnen gibt.

Kükentöten soll verboten werden 

Mehr als acht Millionen Euro hat der Bund bereits in die wissenschaftliche Entwicklung von Alternativen investiert. «Ein Durchbruch ist vergangenes Jahr mit einem Verfahren zur Geschlechtsbestimmung im Brut-Ei gelungen», sagt Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner. Sobald es flächendeckend auf dem Markt sei, greife automatisch das Tierschutzgesetz und das Kükentöten werde verboten. «Damit werden wir Vorreiter in Europa und der ganzen Welt», verspricht Klöckner.

Bei diesem endokrinologischen, also hormonellen Verfahren werden die Eier etwa neun Tage bebrütet. Dann wird aus jedem Ei durch ein winziges Loch etwas Flüssigkeit genommen, ohne das Ei-Innere zu berühren. Mit den Proben lässt sich das Geschlecht nachweisen. In rund 380 Rewe- und Penny-Filialen im Großraum Berlin werden diese Eier mit dem Logo «Respeggt» bereits angeboten. Das Unternehmen Seleggt arbeite mit Hochdruck daran, sie bis Ende 2019 in allen Märkten bundesweit anzubieten, teilt die Rewe Group mit.

Tierschützer kritisieren 

«Hier besteht kein wissenschaftlicher Nachweis, dass der Embryo keine Schmerzen empfindet», kritisiert der Deutsche Tierschutzbund. Die Tierschützer bevorzugen die Geschlechtsbestimmung zu einem früheren Zeitpunkt mit Hilfe einer Infrarot-Spektroskopie. Dabei werden laut Agrarministerium die Eier nur etwa vier Tage lang bebrütet, dann wird ein spezieller Lichtstrahl ins Ei-Innere geschickt. Die Genauigkeit der Messung müsse noch optimiert werden, räumt das im niedersächsischen Visbek ansässige Unternehmen Agri Advanced Technologies ein. «Wir arbeiten weiter an der Verbesserung unserer Technologie, brauchen dafür aber noch Zeit.»

- Anzeige -

Der Präsident des Zentralverbandes der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG), Friedrich-Otto Ripke, hofft auf eine «mehrjährige Übergangsfrist», sollten die Bundesrichter die bisherige Praxis für tierschutzwidrig einstufen. «Die Praxisreife der Verfahren zur Geschlechtsbestimmung im Ei ist noch nicht gegeben», betont der Verbandschef. Er warnt davor, dass die 10 bis 15 betroffenen Brütereien ins Ausland gehen könnten. «Da sehe ich einen Verlust an Tierschutz.» Außerdem werde es zu Engpässen bei der Versorgung mit Eiern kommen.

Neues Konzept wurde mehr als drei Jahre lang getestet

Aus Sicht des Deutschen Tierschutzbundes muss das «aus dem Ruder gelaufenen System der Hochleistungszucht» insgesamt beendet werden. Heutige Legehennen-Zuchtlinien sind darauf getrimmt, möglichst viele Eier in kurzer Zeit zu legen, setzen aber kaum Fleisch an. Daher eignen sich die männlichen Tiere nicht für die Mast. Eine Alternative ist das sogenannte «Zweinutzungshuhn», bei dem die Hennen für die Eiererzeugung, die Hähne für die Fleischgewinnung genutzt werden können, wie es vor der Industrialisierung üblich war. Dieses neue Konzept in der Geflügelhaltung wurde dreieinhalb Jahre lang von der Tierärztlichen Hochschule Hannover (TiHo) erprobt.

Die «Zweinutzungs»-Hennen legen etwa 250 Eier im Jahr, im Schnitt 50 weniger als herkömmliche Legehennen, die Hähne müssen bis zur Schlachtreife doppelt so lange gehalten werden wie übliche Masthähnchen. «Kommt es zu keiner weiteren Veränderungen der Bedingungen, wird es schwer sein, die wirtschaftlichen Nachteile zu kompensieren, die unter anderem durch die höheren Produktionskosten bei der Haltung des Zweinutzungshuhnes entstehen», meint Projektleiterin Silke Rautenschlein von der TiHo.

Verbraucher sind am Zug

Auch Geflügelwirtschafts-Präsident Ripke sieht die Verbraucher am Zug. «Ich bin auch dafür, dass wir die Schiene Zweinutzungshuhn weiterverfolgen. Aber ihr Marktanteil ist bisher fast nicht messbar», sagt er. Wer das Kükentöten nicht unterstützen will, kann Eier von Initiativen kaufen, die die sogenannten Bruderhähne aufziehen. Die Verbraucherzentrale Niedersachsen stellte bei einem Marktcheck im April fest, dass in sechs von elf Lebensmittelmärkten Eier «ohne Kükentöten» im Sortiment waren. Sie kosteten zwischen 3 und 28 Cent pro Ei mehr als herkömmliche Eier.

Mehr zum Thema

Weitere Artikel aus der Kategorie: Wirtschaft

Die Mehrheit der Erwachsenen zwischen 16 und 25 Jahren zahlt lieber bar als mit EC- und Kreditkarte.
vor 5 Stunden
Frankfurt/Main
Auch junge Leute hängen laut einer Studie am Bargeld und haben oft Vorbehalte gegenüber digitalen Zahlverfahren.
Eine Gebäudereinigerin wischt einen Flur. Ein Fünftel aller Kernbeschäftigten in Deutschland arbeitet in Teilzeit, einem Minijob oder ist befristet angestellt.
vor 10 Stunden
Düsseldorf
Ein Fünftel aller Kernbeschäftigten in Deutschland arbeitet in Teilzeit, einem Minijob oder ist befristet angestellt.
Zur Zukunft der deutschen Autoindustrie treffen sich Automanager, mehrere Minister, die Spitzen von Union und SPD mit Kanzlerin Merkel im Kanzleramt.
vor 10 Stunden
Berlin
Die Zukunft der deutschen Autoindustrie angesichts des grundlegenden Wandels der Branche ist heute Thema eines Treffens im Kanzleramt. Regierungschefin Angela Merkel (CDU), mehrere Minister und die Spitzen von Union und SPD wollen mit Automanagern und Gewerkschaftern zusammenkommen.
Deutsche Arbeitnehmer hatten in den ersten drei Monaten etwas mehr Geld in der Tasche.
vor 11 Stunden
Wiesbaden
Arbeitnehmer in Deutschland hatten im ersten Quartal 2019 unter dem Strich mehr Geld in der Tasche als ein Jahr zuvor.
Die Bauform der elektrischen Tretroller, auch E-Scooter genannt, macht es den Herstellern schwer, zuverlässige Schlösser herzustellen.
21.06.2019
Düsseldorf
Der sich abzeichnende E-Scooter-Trend stellt Hersteller von Schlössern zum Schutz vor Diebstahl vor Herausforderungen.
Der Dax ist der wichtigste Aktienindex in Deutschland.
21.06.2019
Frankfurt/Main
Nach dem Jahreshoch im Dax haben sich die Anleger angesichts des großen Verfalls an den Terminbörsen am Freitag zunächst eine Verschnaufpause gegönnt.
Einer der Gründe für den steigenden Goldpreis sind die zahlreichen politischen Risiken in der Welt.
21.06.2019
London/Frankfurt
Gold steigt in der Gunst der Anleger. Am Freitag kletterte der Preis für eine Feinunze (rund 31,1 Gramm) des Edelmetalls bis auf 1411 US-Dollar.
Spricht von von einem «ganz normalen Treffen»: Peter Altmaier.
21.06.2019
Shanghai
Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) hat in Shanghai den Gründer des unter Druck geratenen chinesischen Telekomriesen Huawei, Ren Zhengfei, getroffen.
Handshake zwischen US-Präsiden Donald Trump (l.) und dem kanadischen Premier Justin Trudeau.
21.06.2019
Mexiko-Stadt/Washington
Ungeachtet weiter bestehender Differenzen sind die Nachbarn Kanada und USA beim Freihandel einen Schritt aufeinander zugegangen.
Mehr als 350 von gut 700 Gasanbietern haben im Schnitt die Preise erhöht.
21.06.2019
München/Hamburg
Die Gaspreise in Deutschland sind im ersten Halbjahr im Durchschnitt um knapp zwei Prozent gestiegen.
Wer noch 70-Cent-Briefmarken hat, muss sie ab dem 1. Juli für einen mit der Deutschen Post versendeten Brief mit einer 10-Cent-Marke ergänzen.
19.06.2019
Bonn
Das Porto für Briefe und Postkarten in Deutschland wird am 1. Juli teurer. Die Bundesnetzagentur hat der Deutschen Post grünes Licht für die Erhöhung gegeben. Das Versenden eines Standardbriefs im Inland kostet dann 80 Cent statt bisher 70 Cent.
Der traditionsreiche US-Hersteller Harley-Davidson will künftig gemeinsam mit der Firma Qianjiang Motorcycle aus China kleinere Motorräder für den asiatischen Markt fertigen.
19.06.2019
Shenzen/Milwaukee
Der US-Motorradbauer Harley-Davidson geht trotz der heftigen Kritik von Präsident Donald Trump eine Partnerschaft in China ein.

Das könnte Sie auch interessieren

- Anzeige -
  • 21.06.2019
    Hochzeiten und andere Festlichkeiten
    Die Modeboutique in Achern ist die richtige Adresse für jeden Anlass: Ob Hochzeiten, Abschlussfeiern oder andere Festlichkeiten, die Auswahl im Geschäft ist groß.
  • 12.06.2019
    Storytelling von Reiff Medien
    Exakt bestimmen, wer meine Werbung sehen will und Produkte mit neuen Erzählformen und einflussreichen Gesichtern bewerben: Online-Marketing ist heute so kraftvoll wie nie – und die Experten von Reiff Medien Digital Natives unterstützen regionale Firmen auf diesem Weg.
  • Die Profis für Werbeanzeigen auf digitalen Plattformen (von links): Sebastian Daniels (Abteilungsleiter Digital Natives), Serkan Nezirov und Andreas Lehmann von Reiff Medien.
    12.06.2019
    Interview mit drei Experten
    Wie können sich Unternehmen in Zeiten der Digitalisierung ihren Kunden präsentieren? Die neue Abteilung »Reiff Medien Digital Natives« bietet maßgeschneiderte Lösungen an und hievt regionale Firmen auf Plattformen wie Facebook und Instagram.
  • 30.05.2019
    Größtes Volksfest der Ortenau
    Vom 30. Mai bis 2. Juni läuft in Kehl wieder der »Messdi«. Das größte Volksfest der Ortenau mit seinen etwa 160.000 Besuchern wartet in diesem Jahr mit einigen Neuerungen auf.