Big Data im Gesundheitswesen

Wenn Datenschutz über Patientenschutz geht

Thomas Magenheim
Lesezeit 5 Minuten
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27. November 2023
Moderne Gesundheitstechnologie ist auf entsprechende Daten angewiesen.

Moderne Gesundheitstechnologie ist auf entsprechende Daten angewiesen. ©Foto: Stock Adobe/greenbutterfly

Intelligente Analyse von Gesundheitsdaten ist ein Schlüssel für bessere medizinische Versorgung. In Deutschland steht dem der Datenschutz im Weg, was Unternehmen einen Wettbewerbsnachteil bereitet. Schmerzhafte Konsequenzen drohen.

Gesundheitsdaten sind ein moderner Schatz. Wer ihn hebt, kann früh Erkrankungen erkennen oder sie präventiv verhindern, zielgenaue Therapien entwickeln und die Rehabilitation verbessern, sagen Gesundheitsökonomen und Experten wie Jens Wiehler. „Die Pharmaindustrie nutzt genetische Datenbanken, um personalisierte Medikamente zu entwickeln, was zu höheren Erfolgsraten und weniger Nebenwirkungen führt“, erklärt Wiehler.

Studie zum Standortfaktor Gesundheitsdaten

Apps und Fitnesstracker könnten Daten zu Herzfrequenz und Blutdruck sammeln, um Patienten enger zu überwachen und besser zu behandeln. Zumindest außerhalb Deutschlands ist so etwas möglich. Welche Unterschiede bestehen und welche Folgen das hat, zeigt eine Studie, an der Molekularbiologe Wiehler beteiligt war.

„Standortfaktor Gesundheitsdaten“, lautet ihr Titel. Erstellt haben sie der bayerische Cluster für Medizintechnik und Biotechnologie (BioM), deren Digitalchef Wiehler ist, sowie die Themenplattform Digitale Gesundheit und Medizin. Befragt wurden Firmenvertreter aus Biotechnologie, Pharmazie, Diagnostik, Medizintechnik und digitaler Gesundheit. Das Fazit ist eindeutig: Deutschland hinkt beim Sammeln und Auswerten von Big Data im Bereich Gesundheit international hinterher, was der Wettbewerbsfähigkeit der Gesundheitswirtschaft schadet. Abwanderung ins Ausland droht.

Auf die Frage, ob Gesundheitsdaten in Deutschland besser geschützt werden als Patienten, antwortet Wiehler: „Zurzeit leider noch ein klares Ja und das teils ohne Not. Länder wie Finnland, Estland Dänemark und Spanien zeigen, dass es auch anders geht“, sagt der Experte – und das sind nur die EU-Länder, auf die etablierte Konzerne und Jungfirmen der Gesundheitswirtschaft hierzulande neidisch blicken. Im globalen Maßstab schwärmen sie in der Studie von den Vorreitern USA, Israel oder Großbritannien.

Bürokratische Hürden

Dort sei längst erkannt worden, dass Daten das neue Öl sind. Das Datenaufkommen der Gesundheitswirtschaft wachse global so stark wie in sonst keinem anderen Sektor. Von 2018 bis 2025 gehe man dort von 36 Prozent Zuwachs aus gegenüber 30 Prozent in der produzierenden Industrie oder einem Viertel im Finanzwesen, bei Medien und der Unterhaltungsindustrie. Aber Deutschland sei davon in vielen Bereichen abgeschnitten.

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„Es fehlt sowohl an strukturierten Daten wie aus elektronischen Patientenakten oder Genomprojekten wie auch an Zugriffsmöglichkeiten auf bestehende Daten“, fasst Wiehler zusammen. Der Zugriff sei oft mit hohen bürokratischen Hürden verbunden oder gar nicht möglich – wie etwa bei Krankenkassendaten in anonymisierter Form. In der Studie haben Unternehmen die Verfügbarkeit deutscher Gesundheitsdaten im Schnitt als „sehr niedrig“ eingestuft.

Das hat Konsequenzen. Drei von vier befragten Unternehmen fürchten um ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit, sagt Wiehler. Fast acht von zehn sehen negative Auswirkungen auf die Entwicklung eigener Produkte sowie Dienstleistungen, und sechs von zehn Firmen klagen über erschwerte Partnerschaften. Besonders schwer wiegt, dass gut jedes zweite Unternehmen negative Auswirkungen auf Investitionen am Heimatstandort erklärt.

Es sind zwei Welten. In Ländern wie den USA gebe es Großdatenbanken verschiedener Anbieter, sagt Franz Pfister. „Diese kann man durchsuchen und ähnlich wie beim Einkauf auf Amazon dann die anonymisierten Daten, die man braucht, auswählen“, beschreibt der Gründer von Deepc in Deutschland unbekannte Zustände. Sein Jungunternehmen will mittels künstlicher Intelligenz (KI) in der Radiologie schnellere und genauere Ergebnisse erreichen. Hinzu kommt, dass im Ausland umfangreichere Datensätze zu günstigeren Preisen verfügbar sind.

Der Einsatz von KI kann Kosten im Gesundheitswesen senken

Was volkswirtschaftlich am Ende drin ist, hat eine US-Studie ermittelt. Durch breite Einführung von KI zur Datenanalyse könnten Ausgaben im Gesundheitswesen um fünf bis zehn Prozent gesenkt werden, zitiert Wiehler daraus. Das entspreche jährlich bis zu 330 Milliarden Euro. Zudem verkürze KI Pharmaforschung stark. So sei ein neues Antikrebsmolekül KI-getrieben jüngst binnen acht Monaten so weit entwickelt worden, wie es traditionell vier bis fünf Jahre lang gedauert hätte.

„Verbesserungen sind überfällig“, sagt Wiehler zu Lage bei Gesundheitsdaten in Deutschland. Stellschrauben wie ein Ausrollen der digitalen Patientenakte oder das Gesundheitsdaten-Nutzungsgesetz, die das Blatt schnell wenden könnten, gebe es. „Es geht in die richtige Richtung, wenn auch zu langsam“, urteilt Wiehler.

Die ökonomische Komponente der Gesundheit

Bedeutung
Gesundheit ist auch in ökonomischer Hinsicht sehr bedeutend. In Deutschland betrug die Bruttowertschöpfung damit 2022 nach Daten des Bundeswirtschaftsministeriums fast 440 Milliarden Euro. Das entspricht einem Anteil am gesamten Wirtschaftsgeschehen von nahezu 13 Prozent, Tendenz steigend. Zugleich waren gut acht Millionen Menschen in der heimischen Gesundheitswirtschaft beschäftigt. Das ist sogar ein Anteil von fast 18 Prozent bei ebenfalls steigender Tendenz.

Wettbewerb
Kostendämpfenden Innovationen mittels künstlicher Intelligenz und der Auswertung anonymisierter Gesundheitsdaten im großen Stil kommt hier große Bedeutung zu. Aber heimische Firmen fühlen sich international stark benachteiligt. Dennoch kam der heimische Markt für digitale Gesundheit mit jährlichem Wachstum von 7,6 Prozent zuletzt auf 3,4 Milliarden Euro Volumen. Damit ist der Bereich der am schnellsten wachsende der deutschen Gesundheitsbranche.

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