Wirtschaft

Berufspraxis im Nachbarland

Autor: 
Reck Reinhard
Lesezeit 4 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
31. Mai 2012
Christoph Breithaupt - Dreimal in der Woche fährt sie über den Rhein: Die Straßburgerin Anaïs Delbé geht in Frankreich zur Berufsschule und absolviert ihre praktische Ausbildung in einem Kehler Frisiersalon.

Christoph Breithaupt - Dreimal in der Woche fährt sie über den Rhein: Die Straßburgerin Anaïs Delbé geht in Frankreich zur Berufsschule und absolviert ihre praktische Ausbildung in einem Kehler Frisiersalon.

Um einen stärkeren grenzüberschreitenden Arbeitsmarkt im Euro-distrikt Strasbourg-Ortenau und in der Metropolregion Oberrhein zu schaffen, müssen auch die Ausbildungsgänge in den einzelnen Ländern mehr aufeinander abgestimmt werden. Man findet verheißungsvolle Ansätze, es bleibt aber noch viel zu tun.

Ortenau/Straßburg. Die Fahrt von Straßburg über die Kehler Europabrücke ist für Anaïs Delbé schon zur Gewohnheit geworden. Seit dem vergangenen Oktober kommt die 22-Jährige dreimal in der Woche zum Frisiersalon von Claudine Lambour nach Kehl, um das zu üben, was sie später einmal beruflich machen möchte: das Frisieren. »Dreimal in der Woche arbeite ich in Kehl, zweimal nachmittags und einmal – am Samstag – den ganzen Tag«, schildert die Elsässerin ihren grenzüberschreitenden Alltag.

Ihre theoretische Ausbildung bekommt die junge Frau in der Straßburger Berufsbildungsstätte CFA (Centre de Formation d’Apprentis), im Salon von Frau Lambour absolviert sie ihren praktischen Teil. »Von montags bis freitags habe ich in einer Fremdsprachenschule auch Deutschunterricht«, fügt die Auszubildende hinzu, in deren Straßburger Familie nur Französisch gesprochen wird.

Modellprojekt

Anaïs Delbé ist eine der Teilnehmerinnen beim Modellprojekt »Grenzüberschreitende Ausbildung« im Eurodistrikt Strasbourg-Ortenau. Dabei besuchen die jungen Leute die Berufsschule in ihrem Heimatland, im Nachbarland erfolgt der praktische Teil der Ausbildung. Den Berufsschulabschluss erlangen die Teilnehmer in dem Land, in dem sie die Berufsschule besucht haben. Die Zeugnisse können zum Teil auch vom Nachbarland anerkannt werden. Das betrifft bereits jetzt schon eine Vielzahl von deutschen und französischen Prüfungszeugnissen.

Man hat zahlreiche Partner mit im Boot: von den Kammern über die Offenburger Agentur für Arbeit bis zu administrativen Instanzen wie den französischen Staat, die Region Elsass, das Freiburger Regierungspräsidium und natürlich den Eurodistrikt.

Knifflige Fragen

Derzeit kann man diese grenzüberschreitende duale Ausbildung zwar im Prinzip in allen Berufen absolvieren, die in Deutschland und Frankreich vergleichbare Inhalte vermitteln – sofern sich interessierte Ausbildungsfirmen finden. Aber das Modellprojekt funktioniert bisher nur im Raum Strasbourg-Ortenau. Bemühungen, das Vorhaben auf die ganze Oberrheinregion auszuweiten, scheiterten bislang. Es müssen nämlich zahlreiche knifflige Fragen geklärt werden: von der Finanzierung bis zum Versicherungsschutz für Auszubildende.

Auch in anderen Bereichen gibt es grenzüberschreitende Ausbildungen. So bieten die Beruflichen Schulen in Kehl und das Lycée Oberlin in Straßburg eine deutsch-französische Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann und dem französischen »Bac professionnel Commerce« an. Hier findet die praktische Ausbildung im Heimatland statt, die Berufsschule ist abwechselnd in Kehl und Straßburg. Auch ein »Binationales duales Studium« wurde am Oberrhein ins Leben gerufen. Partner sind dabei nicht nur die Duale Hochschule Baden-Württemberg und ähnliche Einrichtungen im Elsass. Mit im Boot sind ferner deutsche und französische Unternehmen, bei denen die Studenten ihre Praxisphasen absolvieren können.

- Anzeige -

Die theoretischen Teile des dualen Studiums finden im Heimatland statt, die Praxis übt man im Nachbarland. Während die Franzosen eine »Licence professionnelle«, einen »Master professionnel« oder ein anderes Ingenieurdiplom erhalten können, schließen die Deutschen ihre Ausbildung mit einem Bachelor-Titel (Engineering, Science, Arts) ab. Möglich ist auch die Masterprüfung.

Umschulungen

Schließlich führt die französische Weiterbildungseinrichtung AFPA (Association Nationale pour la Formation Professionnelle des Adultes) in Zusammenarbeit mit der Gewerbeakademie der Handwerkskammer sowie der Agenturen für Arbeit Offenburg und Freiburg grenzüberschreitende Umschulungen für französische Arbeitslose durch. Diese dauern zehn Monate und beinhalten ein intensives Deutschtrainung sowie ein Praktikum in Deutschland. Am Ende steht ein französischer Berufsabschluss (CAP AFPA), der mit einer zweijährigen Ausbildung in Deutschland vergleichbar ist. Das betrifft unter anderem Berufsbilder wie Anlagen- und Maschinenführer.

Sicher: Die Initiativen für eine grenzüberschreitende Berufsausbildung sind erst am Entstehen. So nehmen gerade mal neun Studenten am binationalen dualen Studium teil – acht Franzosen und ein Deutscher. »Aber ich denke, da gibt es verheißungsvolle Ansätze, die Mut machen«, betont Norbert Mattusch von der Stabsstelle für grenzüberschreitende Zusammenarbeit der Arbeitsagentur Freiburg. »Die Absolventen erhöhen ihre Chancen auf einen Arbeitsplatz in unserer Grenzregion.« Allerdings sollten derartige Angebote nach Einschätzung des Experten viel stärker an den Schulen und bei Arbeitgebern bekannt gemacht werden.

Anaïs Delbé ist mit ihrer Friseurausbildung in Kehl zufrieden. »Ich denke, so kann es mir gelingen, in Deutschland einen Job zu finden und später vielleicht sogar selbst einen Salon zu eröffnen.«

Mehr Infos zum Thema »grenzüberschreitende Ausbildung« gibt es bei Peter Degenkolbe von der Offenburger Agentur für Arbeit. E-Mail: peter.degenkolbe@arbeitsagentur.de

Folge 1: "Wir müssen mehr Brücken bauen"

Folge 2: Über die Grenze zum Traumjob

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeigen
  • 18.04.2019
    Ab Samstag
    In Kehl startet am Samstag wieder der beliebte Ostermarkt. Bis zum 28. April warten auf Besucher dort zahlreiche Attraktionen und ein vielfältiges Programm.
  • 17.04.2019
    500 Quadratmeter Fläche
    Der Obi Markt in Offenburg hat seine neue 500 Quadratmeter große »BBQ & Grillwelt« eröffnet – und ist damit die Top-Adresse für Grill-Fans. Kunden erwartet ein konkurrenzlos großes Angebot an Grills und Zubehör von Top-Marken. In den kommenden Wochen gibt es dazu ein sehenswertes Showprogramm.
  • 08.04.2019
    Was ist wichtig bei der Planung der perfekten Traumküche? Hier sind die 10 wichtigsten Fragen und Antworten!
  • 01.04.2019
    Lahr
    Wer auf der Suche nach einem Suzuki-Neuwagen oder einem Gebrauchten ist und gleichzeitig eine vertrauensvolle, persönliche Beratung möchte, dem kann geholfen werden: Das Suzuki-Autohaus Baral in Lahr ist genau die richtige Adresse für jegliches Anliegen rund um Suzuki. 

Weitere Artikel aus der Kategorie: Wirtschaft

Das Logo des Nachrüsters Baumot auf einem Demonstrations-Nachrüstsatz.
19.04.2019
Bamberg/Königswinter
Trotz neuer Debatten um eine Lockerung bei den Euro-5-Fahrverboten stehen die Hardware-Nachrüster mit ihren Angeboten in den Startlöchern.
Die geplante Vergabe lokaler 5G-Frequenzen stößt auch bei deutschen Industriekonzernen auf Interesse.
19.04.2019
Bonn
Bei der geplanten Vergabe lokaler 5G-Frequenzen stößt die Bundesnetzagentur auf großes Interesse von deutschen Industriekonzernen und anderen Firmen.
In den USA müssen etliche BMW-Limousinen, die bis zu 15 Jahre alt sind, in die Werkstatt zurück.
18.04.2019
München
BMW ruft in den USA 184.500 ältere Autos der 3er- und 5er-Reihe und des Sportwagens Z4 wegen Brandgefahr in die Werkstatt.
Textilfabrik in Savar in Bangladesch.
18.04.2019
Berlin
Die Textilindustrie attackiert Entwicklungsminister Gerd Müller für seine Pläne, deutsche Firmen notfalls gesetzlich zur Einhaltung von Menschenrechten in ihren globalen Lieferketten zu zwingen.
Luxus-Uhren von Omega: Großbritannien ist für die Schweizer Uhrenhersteller der fünftgrößte Exportmarkt.
18.04.2019
Biel
Infolge des Brexit-Chaos ist der Export von Schweizer Uhren nach Großbritannien seit Jahresbeginn deutlich angestiegen.
Das Briefporto steigt, aber um wie viel, ist noch unklar.
18.04.2019
Berlin
Verbraucher müssen sich auf ein deutlich höheres Briefporto einstellen. Der sogenannte Preiserhöhungsspielraum soll um 10,6 Prozent steigen - dies schlug die Bundesnetzagentur in Bonn vor.
Pinterest versteht sich als eine Art visuelle Suchmaschine, in der Nutzer nach Ideen etwa für die Inneneinrichtung oder Urlaube suchen und Bilder zu ihren Interessen finden können.
18.04.2019
San Francisco/New York
Die Fotoplattform Pinterest kann sich bei ihrem Gang an die Börse über rege Nachfrage nach ihren Aktien freuen.
Die Brauereien in Deutschland haben 2018 trotz der erhöhten Preise rund 8,7 Milliarden Liter und damit 184 Millionen Liter (2,2 Prozent) mehr Bier gebraut als im Jahr zuvor.
18.04.2019
Wiesbaden
Bier ist im vergangenen Jahr deutlich teurer geworden. Mit einem Preisanstieg um 3,5 Prozent gegenüber 2017 lagen Bier und Biermischgetränke über der allgemeinen Steigerung der Verbraucherpreise von 1,9 Prozent, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mitteilte.
Höhere Löhne für Friseure lassen die Preise fürs Haareschneiden steigen.
18.04.2019
Köln
Höhere Löhne für Friseure machen den Haarschnitt teurer. Im Friseurhandwerk gebe es - wie in vielen anderen Handwerksberufen - einen großen Wettbewerb um Mitarbeiter, sagte Jörg Müller, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands des Friseurhandwerks, der Deutschen Presse-Agentur.
Ein Regionalzug verlässt den Hauptbahnhof in Köln.
18.04.2019
Berlin
Viele Bundesbürger nutzen ihr Auto nach eigener Einschätzung seltener als noch vor zehn Jahren. Jeder dritte Befragte gab dies bei einer Umfrage für den ARD-«Deutschlandtrend» für das ARD-«Morgenmagazin» (Donnerstag) an.
18.04.2019
Freiburg
1991 feierte die Messe Intersolar in Deutschland ihre Premiere. Auch in USA gibt es von der Veranstaltung einen Ableger, doch die läuft immer schlechter. Nun hat sich die Freiburger Messe von dem Branchentreff verabschiedet.
EU-Handelskommissarin Cecilia Malmström betonte, dass die neuen Sonderzölle nur dann eingeführt werden sollen, wenn sich der Subventionsstreit mit den USA nicht durch Verhandlungen lösen lässt.
17.04.2019
Brüssel
Die EU bereitet weitere Vergeltungszölle auf Waren aus den USA vor. Mit Sonderabgaben auf Produkte wie Tomatenketchup, Wein, Reisekoffer und Spielekonsolen soll der Schaden durch illegale Subventionen für den US-amerikanischen Flugzeugbauer Boeing ausgeglichen werden, wie die zuständige EU-...