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Wirtschaft regional

Geh doch nach drüben!

Für Franzosen tut sich auf der anderen Rheinseite ein interessanter Arbeitsmarkt auf
03. Januar 2017
&copy Steve Przybilla

Auf der einen Seite fehlen die Fachkräfte, auf der anderen grassiert die Jugendarbeits­losigkeit: Was den Arbeitsmarkt angeht, könnten sich Deutschland und Frankreich gut
ergänzen. Doch so einfach ist das nicht. Bürokratische Hürden und Sprachprobleme erschweren die Mobilität. Die Grenze im Kopf – sie existiert noch immer.

Die Pendler

Jean Lienhard (48) und Pierre Kurtz (21) haben ihre Schicht gerade beendet. Sie tragen noch ihre orangefarbenen Arbeitsjacken. »Félicitations«, sagt Lienhard und klopft seinem jüngeren Kollegen auf die Schulter. Kurtz, der Azubi, ist gerade als beste Metalltechnik-Fachkraft ausgezeichnet worden. Bundesweit. Nun sitzen die beiden Franzosen in einem Büro am Kehler Hafen, um über ihre Arbeit in Deutschland zu sprechen. Beide sind bei den Badischen Stahlwerken (BSW) beschäftigt – der eine als Lehrling, der andere als langjähriger Software-Ingenieur.

Lienhard gehört einer Generation an, die mit geschlossenen Grenzen aufgewachsen ist. »Ich erinnere mich noch, wie der Zoll meinen Vater kontrolliert hat«, sagt Lienhard. »Sie haben sogar den Tank untersucht, damit wir kein Benzin schmuggeln.« Als junger Mann hat sich der Informatiker in seinem Heimatland selbstständig gemacht, doch gut leben konnte er von seinem Verdienst nicht. Seit acht Jahren ist er fest bei den Badischen Stahlwerken angestellt. Jeden Tag pendelt er aus Kilstett, seinem elsässischen Heimatdorf, in die Ortenau. Lienhard strahlt: »30 Tage Urlaub, Tarifvertrag, 13. Monatsgehalt – das gibt’s in Frankreich kaum noch.«

Für den Grenzgänger war die Umstellung kein Problem. Immerhin ist er mit der elsässischen Sprache – einer Mischung aus Deutsch und Französisch – aufgewachsen. Und sonst? »Vermisse ich nichts«, beteuert der Franzose. Drei Jahre lang hat er in Clermont-Ferrand in der Auvergne gearbeitet. »Da machen die Leute jeden Tag zwei Stunden Mittagspause. Das war nichts für mich.« In der Grenzregion unterschieden sich die Arbeitsweisen hingegen kaum. Lienhard grinst. »Ich will gar nicht mehr in Frankreich arbeiten«, sagt er in perfektem Deutsch. »Hier sind die Bedingungen einfach besser.«

Ganz anders die Ausgangslage bei Pierre Kurtz. Er konnte zunächst kein Deutsch, musste einen Kurs zur Vorqualifikation besuchen. Im Internet ist er auf den freien Ausbildungsplatz gestoßen, der auch beim französischen Arbeitsamt Pôle emploi ausgeschrieben war. Nun pendelt Kurtz jeden Tag 45 Kilometer nach Kehl. »Macht aber Spaß«, sagt Kurtz, der sich im vierten Lehrjahr befindet. Aus seinem Freundeskreis ist er der Einzige, der in Deutschland arbeitet. »Die anderen trauen sich nicht, weil sie kein Deutsch können. Aber das kann man ja lernen.«

Sein Arbeitgeber hätte gerne mehr Mitarbeiter wie Pierre Kurtz und Jean Lienhard. Von 850 Beschäftigten haben 53 einen französischen Pass. In früheren Jahren waren es einmal doppelt so viele. Doch die Deutschkenntnisse der Alten gehen zunehmend verloren, weshalb das Unternehmen selbst aktiv geworden ist. Die Badischen Stahlwerke arbeiten eng mit den Behörden auf beiden Seiten des Rheins zusammen, um Arbeitskräfte zu gewinnen. Auch eigene Schulungen stellen sie in Kehl auf die Beine, um französische Arbeitskräfte fit für den deutschen Arbeitsmarkt zu machen. 

Die Arbeitsvermittler

Angebot und Nachfrage – wenn es nur so einfach wäre! Auf der einen Seite: die Ortenau. Arbeitslosenquote 3,3 Prozent, Fachkräfte dringend gesucht. Auf der anderen Seite: die französische Region Grand Est, zu der auch das Elsass gehört. Arbeitslosenquote 10,3 Prozent, Jugendarbeitslosigkeit mehr als doppelt so hoch. Gute Voraussetzungen also, um von einer Seite auf die andere zu wechseln. Der grenzüberschreitende Arbeitsmarkt gehört im vereinten Europa längst zum Alltag. Rein rechtlich spricht nichts dagegen, in einem Land zu wohnen und im anderen zu arbeiten. Oder gleich komplett dorthin zu ziehen, wo die Arbeitsplätze sind. Warum also nutzen immer noch viel zu wenige diese Chance?

Zunächst die Statistik. Im Jahre 2002 pendelten 8694 Franzosen zum Arbeiten in die Ortenau. Dieser Wert ist inzwischen auf 6785 Personen gefallen. Am mangelnden politischen Willen liegt’s nicht. Seit 2013 betreiben die deutsche Arbeitsagentur und die französische Behörde Pôle emploi eine gemeinsame Anlaufstelle in Kehl. Deutsche und französische Arbeitsvermittler sitzen dort unter einem Dach. Sie kennen sich aus mit den Besonderheiten ihres jeweiligen Landes, mit unterschiedlichen Arbeitskulturen, Bewerbungsmappen und Erwartungen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Woran hakt es also dann?

Die naheliegende Antwort: Sprachkenntnisse. Doch selbst wenn man diesen wichtigen Faktor außer Acht lässt – immerhin werden Sprachkurse bezuschusst –, gibt es eine weitere Hürde: die Grenze im Kopf. »Das Ausbildungs- und Beschäftigungssystem unterscheidet sich in beiden Ländern erheblich«, sagt Norbert Mattusch von der Stabsstelle für grenzüberschreitende Zusammenarbeit der Arbeitsagenturen Freiburg und Offenburg. In Frankreich habe das verschulte Ausbildungssystem keinen guten Ruf. »90 Prozent der Franzosen denken, ohne Studium wären sie Loser«, sagt Mattusch. »Das hängt in den Köpfen.« Dabei sei die duale Ausbildung in Deutschland komplett anders aufgebaut.

Die Arbeitsvermittler versuchen gegenzusteuern, indem sie auf französischen Messen gezielt Arbeitssuchende ansprechen. Im Internet gibt es eine neue Kampagne, die junge Franzosen über die Chancen des grenzüberschreitenden Arbeitsmarktes informiert (»Réussir sans frontière«). Neuerdings erstellen die Arbeitsvermittler sogar Videos von französischen Kandidaten ins Netz, um sie deutschen Unternehmen zu präsentieren. Ob es hilft? »Wenn es uns gelingt, Vorurteile abzubauen, dann schon«, meint Mattusch. Immerhin sei der Trend der Pendler in den vergangenen Jahren wieder leicht angestiegen. 

Der Unternehmer

Steffen Auer (Foto) ist mit den Geschäftszahlen zufrieden. Weil die Baubranche boomt, kann die Schwarzwald-Eisen GmbH steigende Umsätze verbuchen. Und doch macht sich Auer, der geschäftsführende Gesellschafter des Unternehmens, so seine Gedanken. Nachwuchs­probleme! Fachkräftemangel!

Am Standort Lahr arbeiten 100 Beschäftigte. Ein Fünftel von ihnen kommt aus Frankreich. »Die meisten sind älter als 45 Jahre und sprechen noch Elsässisch«, sagt Auer. Viele seien als Lageristen, Schweißer oder Bediener von CNC-Maschinen beschäftigt. Doch ebendiese Generation geht bald in Rente. »Was fehlt, ist der Nachwuchs«, klagt Auer. »Und die Sprachkenntnisse verschwinden auch.«

Um Azubis zu gewinnen, fährt Auer seit drei Jahren auf die Job-Messe in Colmar. Der Erfolg hält sich in Grenzen. »Obwohl wir am Stand Französisch sprechen, schaut kaum jemand vorbei«, berichtet der Unternehmer. Dabei gebe es auf politischer Ebene eigentlich keine Probleme. »Administrativ ist alles gelöst«, sagt Auer. »Es hakt nur an der Umsetzung.« Viele Franzosen hätten den Arbeitsmarkt jenseits der Grenze einfach nicht auf dem Schirm.

Um trotzdem den Anschluss nicht zu verlieren, umwirbt das Unternehmen ganz gezielt potenzielle Kandidaten. Wenn französische Auszubildende ihre Lehre anfangen, dann werden sie zunächst von französischen Mitarbeitern betreut. Wenn sie nach Deutschland ziehen, übernimmt die Firma bis zu 50 Prozent der Miete. Auch Deutschkurse werden bezuschusst. Das Ergebnis: »Immerhin haben wir nun drei französische Azubis«, sagt Auer. In fast allen Fällen habe allerdings jemand von außen nachgeholfen, zum Beispiel der Vater oder der deutsche Freund der Auszubildenden.

Und wie läuft’s im Alltag? »Der Aufwand ist deutlich höher, das kann man nicht wegdiskutieren«, sagt Auer, der zugleich der IHK Südlicher Oberrhein als Präsident vorsteht. Resignieren sollten aber auch kleine Betriebe deswegen nicht. »Bevor sie gar niemanden finden, müssen sie kreativ werden.« Ein Beispiel dafür: Mitarbeiter auch jenseits der Grenze suchen.

Autor:
Steve Przybilla

Hintergrund

Die Arbeitsmärkte in Deutschland und Frankreich

Im Südwesten Deutschlands spielt das Thema Arbeitslosigkeit nur noch im Bereich der Langzeitarbeitslosigkeit eine größere Rolle. Im November waren laut der Bundesagentur für Arbeit (BA) 3,6 Prozent der erwerbsfähigen Menschen in Baden-Württemberg ohne Job, 0,1 Prozentpunkte weniger als im Vorjahreszeitraum. Gleichzeitig reißt die Fachkräftelücke im Land immer weiter auf: Im November waren mit mehr als 95 000 bei der Regionaldirektion der BA in Stuttgart gemeldeten offenen Stellen gut 8000 mehr verfügbar als vor einem Jahr.
Im November waren in der Ortenau 7636 Menschen bei der Agentur für Arbeit Offenburg als arbeitslos gemeldet. Die Arbeitslosenquote lag mit 3,2 Prozent noch unterhalb des landesweiten Durchschnitts. Während in der Ortenau händeringend nach Fachkräften gesucht wird, hoffen viele Menschen auf der anderen Seite des Rheins dringend auf einen neuen Job. Die Arbeitslosenquote im Elsass ist dreimal so hoch wie bei uns.
Immerhin weist der Trend in Frankreich auf eine Entspannung am Arbeitsmarkt hin. Erstmals seit 2008 ist die Arbeitslosigkeit in dem Land drei Monate in Folge gesunken. Nach den jüngsten Vergleichszahlen der europäischen Statistikbehörde Eurostat aus dem Oktober lag die Arbeitslosenquote mit 9,7 Prozent allerdings noch mehr als doppelt so hoch wie in Deutschland. tas/dpa

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