Interview mit Martin Kinkel

»In der Familie über Finanzen sprechen«

Autor: 
Tobias Symanski
Lesezeit 7 Minuten
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29. September 2015
Sachbuchautor Martin Kinkel: »Eltern sollten ihren Kindern nahebringen, dass nicht alles vom Himmel fällt.«

Sachbuchautor Martin Kinkel: »Eltern sollten ihren Kindern nahebringen, dass nicht alles vom Himmel fällt.« ©Peter Heck

Die Deutschen sprechen nicht gerne über Geld, weil das Thema in der Familie bereits tabu ist, sagt der Buchautor Martin Kinkel. Im Interview mit der Mittelbadischen Presse erklärt der Finanzexperte, was bei der Wahl von Geldanlage- und Versicherungsprodukten wichtig ist.

Herr Kinkel, die Deutschen sind Finanzmuffel, lassen ihr Geld auf dem Sparbuch liegen und interessieren sich nicht für Aktien. Woran liegt das?

Kinkel: Die Leute stecken viel mehr Zeit in die Auswahl eines neuen Autos als in die Suche nach einer vernünftigen Geldanlage. Dahinter steckt ein psychologischer Effekt: Produkterfolge oder -misserfolge bei Geldanlagen stellen sich meist erst viele Jahre später ein, während das Auto sofort spürbar wird, wenn ich mich reinsetze: Die Ledersitze fühlen sich gut an, die Fensterheber funktionieren einwandfrei oder eben nicht. Vor allem Versicherungen sind »tödlich«: Im schlimmsten Fall merkt man erst Jahrzehnte später, dass man beim Abschluss einen Fehler gemacht hat. Dabei kann der Umgang mit Geld wirklich Spaß machen.

Gibt es beim Interesse beziehungsweise Wissen rund um Geldthemen einen Geschlechterunterschied?

Kinkel: Die Erfahrungen aus meinen Seminaren: Bei Männern gibt es eine kleine Gruppe von Cracks mit Fachwissen und vertieften Kenntnissen, einen ordentlichen Mittelbau und eine Handvoll Desinteressierte. Bei Frauen existiert eigentlich nur der Mittelbau, der schon etwas weiß, aber gerne mehr erfahren möchte. Wenn es um Finanzen geht, entscheiden Frauen zudem im Schnitt vernünftiger als Männer: Man wird es nicht erleben, dass sich eine Frau ein tiefergelegtes 250-PS-Auto kauft, damit im Jahr 30 000 Kilometer fährt und sich dann wundert, dass der fahrbare Untersatz das ganze Gehalt auffrisst.

Haben die weltweite Finanz- und die Eurokrise in den vergangenen Jahren zu einer Bewusstseinsveränderung bei den Deutschen geführt?

Kinkel: Menschen wissen heute nicht unbedingt mehr über Geldthemen, aber sie fragen mehr. Denn sie merken schon, dass sie die Lehman-Pleite oder die Eurokrise irgendwie beeinflusst. Früher hätte mich beispielsweise keiner etwas zum Thema Aktien gefragt. Heute werden ich auch schon mal damit gelöchert. Immer wieder kommen bei jungen Menschen die Fragen auf: Lohnt Sparen überhaupt noch? Reicht die Rente im Alter aus? Oder soll ich Gold als Krisensicherung kaufen?

Das klingt nach jeder Menge Sorgen.

Kinkel: Es ist schon bemerkenswert, wenn 16- bis 18-Jährige ihre Unbekümmertheit verlieren. Wenn sich große Teile einer Generation diese Fragen stellt, was bedeutet das dann langfristig für das Spar-, Ausgabe- und Risikoverhalten?

Im Allgemeinen halten die Deutschen das Thema Geld aber eher unter dem Deckel.

Kinkel: Es gilt die Regel: »Über Geld spricht man nicht.« Schon in den Familien werden die Finanzen als Geheimnis behandelt. Ich habe früher mal Auszubildende gefragt, ob sie wissen, wie viel ihre Eltern eigentlich verdienen. Höchstens ein Drittel wusste Bescheid. Und ein Großteil der Jugendlichen hat keine Ahnung, wie viel Geld die Eltern monatlich für die Miete überweisen müssen. Wie sollen die jungen Menschen heute etwas über Finanzen wissen, wenn schon bei solch einfachen Fragen wie »wie viel bringen die Eltern heim, was kosten Essen, Wohnung und Kleidung?« keine Kommunikation zwischen den Generationen stattfindet?

Über die Höhe seines Gehalts spricht wohl keiner gern.

Kinkel: Über die wichtigsten Ausgabenpositionen sollte man sich aber innerhalb einer Familie austauschen. Eltern sollten ihren Kindern nahebringen, dass nicht alles vom Himmel fällt. Wichtig ist es auch, dem Nachwuchs Anreize zu geben, etwas selbst zu erwirtschaften und ihm nicht am 18. Geburtstag einen Neuwagen vor die Tür zu stellen.

Welche grundsätzlichen Fehler begehen die Deutschen bei der Geldanlage?

Kinkel: Eine Studie hat gezeigt, dass die Deutschen die Chancen von Immobilien im Vergleich zu den statistisch erfassten Entwicklungen deutlich über- und die Risiken deutlich unterbewerten. Bei Aktien ist es umgekehrt. Für viele Menschen ist die Tatsache völlig unvorstellbar, dass man vor rund sechs Jahren durch eine Investition in die 30 Unternehmen des Deutschen Aktienindexes sein Geld bis heute vervielfacht hat. Dabei sind viele Infos zum Thema Finanzen kein Geheimwissen. Man kann sie bekommen, wenn man danach sucht. Es gibt also keinen Grund, warum man sein Geld für null Prozent Zinsen auf das Sparbuch legt. 

Wie sollte man sein Leben finanztechnisch planen?

Kinkel: Meine Botschaft ist: Junge Menschen brauchen vor allem Flexibilität. Die Lebensläufe können voll von potenziellen Brüchen sein: Menschen schulen um, nehmen Elternzeit, arbeiten Teilzeit und, und, und. Die Stabilität, die die Eltern- und Großelterngeneration hatte, ist heute nicht mehr vorhanden. Das erfordert eine ständige Veränderung im Finanzkonzept.

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Langfristige Verträge stehen einem dann aber im Weg.

Kinkel: Ein Finanzkonzept muss atmen können. Einzahlungen müssen erhöht oder verringert werden können. Mittel sollten auch mal kurzfristig entnehmbar sein, wenn eine Notlage da ist. Ich glaube, das Produktangebot der Finanzbranche ist da noch nicht so richtig mitgewachsen – beziehungsweise den Menschen werden die falschen Sachen verkauft.

Welche drei Versicherungen braucht ein junger Mensch unbedingt?

Kinkel: Berufsunfähigkeits-, Privathaftpflicht- und junge Eltern eine Risikolebensversicherung mit ausreichender Deckungssumme – eine halbe Million aufwärts. Alles andere hängt meist von den persönlichen Merkmalen des Versicherten ab.

Was ist mit einer Unfallversicherung?

Kinkel: Kommt drauf an. Sie ist ein Notausgang, wenn man keine Berufsunfähigkeitsversicherung bekommt. Aber: Von 100 Berufsunfähigen haben nur 10 einen Unfall. Der große Rest verliert seine Arbeitsfähigkeit aufgrund von körperlichem Verschleiß, Krankheiten oder psychischen Problemen.

Wie soll man beim Abschluss von Versicherungen vorgehen?

Kinkel: Man kann auf einen Honorarberater zurückgreifen. Aber das kann sich eben nicht jeder leisten, schon gar nicht junge Menschen, die gerade in der Ausbildung stecken. Es gibt aber auch eine ganze Reihe seriöser Provisionsberater, die eine gute Arbeit machen. Eine Alternative sind auch spezialisierte Verbraucherzentralen. Und gehen Sie nie allein zu einem Beratungsgespräch. Ein zweiter Beobachter sieht oft auch andere Dinge.

Wie erkennt man einen guten Berater?

Kinkel: Ein guter Berater braucht Fachwissen und sollte nicht Wissen vortäuschen. Man sollte vielleicht nicht unbedingt auf Berater im Freundes- oder Familienkreis setzen. Das ist aus Kundensicht zwar ein leichter, aber meist unkritischer Weg, sein Geld auszuzugeben. Einige wichtige Punkte: Die Finanzsituation des Kunden sollte umfassend analysiert werden. Der Berater sollte Produkte mit Vor- und Nachteilen beschreiben und verständlich kommunizieren. Er sollte einem Bedenkzeit einräumen und nicht unter Druck setzen, einen Vertrag abzuschließen. Er gibt einem Unterlagen mit nach Hause und hält sich – mag banal klingen – an die gesetzlichen Vorgaben, ein Beratungsprotokoll auszustellen. Aber der Kunde hat auch eine Aufgabe: sich gut vorbereiten, kritisch nachfragen, vergleichen. Das ist Arbeit für beide Seiten, die sich aber lohnt.

Ältere Lebensversicherungsverträge bieten derzeit gute Verzinsungen. Hat sich der Abschluss gelohnt?

Kinkel: Die Grundfrage lautet eher: Ist ein Finanzprodukt für mein Lebenskonzept geeignet? Bei der Kapitallebensversicherung sind zwei Bausteine enthalten: ein Todesfallschutz und ein Sparvertrag. Wenn man das mal aufdröselt, kommt man zu dem Schluss, dass bei jungen Eltern eine Todesfallleistung zwischen 500 000 und einer Million Euro notwendig ist. Mit einer Kapitallebensversicherung ist das jedoch kaum darstellbar. Und beim Sparen ist dieses Produkt auch wenig flexibel. Nicht umsonst werden 80 Prozent aller langlaufenden Kapitallebensversicherungen vorzeitig beendet. Es geht also um die Frage: Ist der Sparplan hinter einer Kapitallebensversicherung besser oder schlechter als andere Alternativen?

Lieber Fonds oder doch Aktien?

Kinkel: Keine Frage: Einsteiger, die etwas für die Altersvorsorge tun wollen, sollten eher Fonds wählen. Ein Auszubildender kann vielleicht nur 50 bis 80 Euro pro Monat für die Geldanlage zurücklegen. Der braucht über Aktien, bei denen man einen größeren Anlagebetrag benötigt, erst einmal nicht nachzudenken.

Fonds fressen aber Rendite.

Kinkel: Es kommt darauf an, was man wählt. Wenn ein vermeintlich aktiv gemanagter Fonds nur den Verlauf irgendeines Indexes nachbildet und für diese »Leistung« jedes Jahr 1,5 Prozent Kosten kassiert, fährt der Anleger mit einem Indexfonds mit einem Bruchteil der Kosten wesentlich besser.

Zur Person

Martin Kinkel

Martin Kinkel (Jahrgang 1964) ist in der Region kein Unbekannter. Der Volks- und Betriebswirt spricht in Seminaren mit Auszubildenden bei Unternehmen wie Hobart, Meiko, Printus (alle Offenburg), Prototyp (Zell am Harmersbach), Karl Knauer oder Hydro Systems (beide Biberach) über den richtigen Umgang mit Geld. Kinkel war mehrere Jahre Projektleiter und Produktmanager in einem Fachverlag für Steuern, Geld und Recht für Privatkunden und ist seit 2004 freiberuflicher Fachautor und Dozent.

http://www.jobmoney.de

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