Wirtschaft

Katz setzt wieder zum Sprung an

Autor: 
Doris Geiger
Lesezeit 6 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
18. September 2010
Foto: Christel Stetter - Dem Design sind keine Grenzen gesetzt: Die meisten Bierdeckel auf der Welt stammen aus dem Hause Katz. In den USA liegt der Marktanteil sogar bei 97 Prozent.

Foto: Christel Stetter - Dem Design sind keine Grenzen gesetzt: Die meisten Bierdeckel auf der Welt stammen aus dem Hause Katz. In den USA liegt der Marktanteil sogar bei 97 Prozent.

Ein Jahr nach dem Kauf durch die Oberkircher Papierfabrik August Koehler fährt der Bierdeckelhersteller Katz jetzt wieder seine Krallen aus.
Weisenbach/Oberkirch. Die Ohrfeige hätte schallender nicht sein können, die das »Handelsblatt« dem sterbenden Weltmarktführer verabreicht hatte: »Es gibt Unternehmen, die die Krise in die Pleite jagt, Aufträge futsch, Umsatz weg, Fixkosten noch da, Exitus. Und es gibt die Unternehmen, die sich selbst in die Krise gelenkt haben, weil sie zu langsam waren, zu starr, die sich viel zu lange mehr mit sich selbst als mit ihrem Markt befassten. So ein Unternehmen ist Katz.« So ein Unternehmen war Katz, müsste es heute lauten, denn vor knapp einem Jahr wurde der Weltmarktführer für Bierdeckel im badischen Weisenbach von einem anderen Weltmarktführer gekauft: der Oberkircher Papierfabrik August Koehler – Nummer eins bei Thermopapieren, ein Schwergewicht der Branche. Daniel Bitton, von den Inhabern aus Oberkirch als neuer Geschäftsführer bestellt, kennt Begriffe wie Langsamkeit, Starrheit oder Nabelschau nicht. Er hält sich auch nicht länger mit der Tatsache auf, dass der Bierkonsum zurückgeht und ergo auch der Bedarf an Bierdeckeln – es gibt andere Märkte für die Holzschliffpappe aus dem Murgtal. Und Bitton hat sich fest vorgenommen, sie zu erobern. Der gebürtige Frankfurter, der zuletzt in der Druckbranche war, zeichnet verantwortlich für das operative Geschäft und teilt sich die Geschäftsführung mit Kai Furler, dem jüngsten Verantwortungsträger der Inhaber-Familie. »Die Integration von Katz in die Koehler-Gruppe ist in vollem Gange. Das gibt uns einerseits Sicherheit, ohne uns jedoch in unseren unternehmerischen Freiheiten zu beschneiden,« sagt Bitton. Mit 70 Prozent Marktanteil in Europa, 97 Prozent Marktanteil in den USA und Präsenz in 45 Ländern – in vielen davon als Marktführer – habe sich Koehler für ein Unternehmen entschieden, das Weltruf genieße. Starr gewesen Entsprechend zahlreich waren die Abgesänge auch im April 2009, als der damalige Katz-Inhaber, die britische Kinsky Capital und Equivest, zum Baden-Badener Insolvenzgericht marschieren musste. Während Daniel Bitton zu sehr Gentleman ist, um von einer Heuschrecke zu sprechen, die das Unternehmen nahezu in den Ruin führte – die Katz-Mitarbeiter tun dies schon. Man sei eben starr, langsam und mit sich selbst beschäftigt gewesen. So unrecht habe das »Handelsblatt« nicht gehabt. Doch will sich niemand weiter mit der Vergangenheit beschäftigen. Mit Koehler im Rücken wird zuversichtlich nach vorne geblickt. Produktentwickler Scott Treick experimentiert mit der Holzschliffpappe in alle möglichen Richtungen: Cat-Pads helfen, Streu in der Katzentoilette zu sparen. Aufgrund ihrer Lebensmittelechtheit lassen sich Verpackungen für Nudeln, Käse oder Kekse mit dem Material herstellen. Holzschliffpappe wird aber auch zu Trittschalldämmung verarbeitet und von Werbeagenturen geschätzt, die daraus entwerfen, was man Point-of-Sale-Werbematerialien nennt – also Deckenhänger und Aufsteller für den Supermarkt oder Ähnliches. Ganz zu schweigen von den 6,5 Milliarden Bierdeckeln, die das Unternehmen pro Jahr verlassen. Manche davon mit Rubbelfeldern oder Etiketten zum Abziehen versehen, die den Bierdeckel vom Werbeträger zum Direktmarketing-Ins­trument erheben. Und: In einer Kooperation mit der Schramberger Fabrik Gustav Maier könnte Katz demnächst das »Who-is-Who« der deutschen Wirtschaft in Sachen Präsentationsmaterialien und Ordner bedienen. »Ideal für Ordner« Der Zehn-Mann-Betrieb aus dem Schwarzwald fertigt seit 150 Jahren Ordner, die mit Logo oder Materialien des Auftraggebers bedruckt oder gar darin eingebunden sind: Kunstrasen-Ordner für Adidas, Ordner mit Samt-Bezug für Schiesser oder aufwendige Präsentationskoffer für Duravit und andere Markenhersteller. »Unsere Holzschliffpappe ist der ideale Rohstoff für diese Ordner«, erklärt Scott Treick, Produktentwickler bei Katz. »Sie ist 40 Prozent leichter als Graukarton und spart damit Logistikkosten, sie ist absolut umweltfreundlich und zu 100 Prozent in Deutschland hergestellt.« Das sind Faktoren, auf die auch Daniel Bitton setzt bei der Entwicklung neuer Geschäftsfelder: »Wenn wir Ende September zum ersten Mal auf der Leitmesse Fachpack vertreten sein werden, wird die Branche staunen, was sich aus Holzschliffpappe alles machen lässt.« In der Tat nutzt der Rohstoff bislang längst nicht die Chancen, die ihm offen stehen. Kein Wunder, gibt es doch nur drei Hersteller für Holzschliffpappe in Deutschland. Katz stellt den Stoff ausschließlich hierzulande her. Am Standort Weisenbach sogar unter Abdeckung der gesamten Wertschöpfungskette vor der Haustür: Nadelholz aus heimischen Wäldern, Wasser aus der Murg, Know-how aus dem Schwarzwald. »Das ist insbesondere für die Verpackungsindustrie, die sich den Themen Nachhaltigkeit und Umweltfreundlichkeit stellen muss wie kaum eine andere, ein schlagkräftiges Argument«, sagt Bitton. 31 neue Mitarbeiter Zwischen sechs und acht Millionen Euro will das Oberkircher Stammhaus in die »Katz« mittelfristig investieren. Für knapp zwei Millionen Euro wird derzeit eine Wärmerückgewinnungsanlage installiert, die den ökologischen Fußabdruck der energieintensiven Pappenproduktion weiter verbessern wird. Eine neue digitale Druckmaschine wird künftig auch die Abwicklung von Bierdeckelaufträgen unterhalb einer Auflage von einer halben Million Stück erlauben. Und auch in neue Arbeitsplätze wird investiert. 181 Menschen arbeiten derzeit in Weisenbach. Seit der Koehler-Übernahme sind 31 von ihnen neu hinzugekommen. ------------------------------ Katz-Historie: 1716: Johann Georg Katz errichtet in Weisenbach ein Sägewerk, um Telegrafenmasten und Eisenbahnschwellen herzustellen. 1903: Casimir Otto Katz stellt den ersten Bierdeckel im heutigen Format her. 1930: Entwicklung der ersten automatischen Bierdeckeldruckmaschine mit einer Kapazität von 30 000 Stück pro Tag. 1969: Erfindung der Bierdeckeldruck- und -stanzmaschine. Diese Innovation erlaubt das kombinierte Drucken und Ausstanzen der Bierdeckel mit einer Kapazität von einer Million Stück pro Tag. 1978: Katz International Coasters wird von der Unternehmensgruppe Pfleiderer erworben. April 2009: Der sinkende Bierkonsum sowie die Folgen der weltweiten Finanzkrise führen The Katz Group in die Insolvenz. September 2009: Die Papierfabrik August Koehler übernimmt Katz. Das Unternehmen wird als eigenständige Organisation integriert. dg ------------------------------ Stichwort: August Koehler Die Papierfabrik August Koehler AG in Oberkirch wurde 1807 gegründet und hat sich seitdem als Produzent von Spezialpapieren weltweit am Markt etabliert. Das Sortiment umfasst die fünf Produktsparten Fein- und Spezialpapiere, farbige und technische Papiere, Dekorpapiere, Selbstdurchschreibepapiere und Thermopapiere. Bei den Thermopapieren ist Koehler laut eigenen Angaben Weltmarktführer – so werden zum Beispiel Kassenbons auf dem gesamten Globus auf Koehler-Papieren gedruckt. Die Gruppe erzielte im vergangenen Geschäftsjahr einen Umsatz von 540 Millionen Euro und einem Absatz von 429 000 Tonnen Papier. Ende 2009 beschäftigte Koehler über 1700 Mitarbeiter, 300 Menschen mehr als ein Jahr zuvor. dg

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeigen
  • 24.05.2019
    Biberach
    Mit zwei Kandidaten tritt die Alternative für Deutschland (AfD) am 26. Mai bei den Gemeinderatswahlen in Biberach an.
  • 13.05.2019
    »Schöne Zeit« – der zeitlose Weingenuss
    Fruchtig, farbenfroh und voller Lebensfreude – so zeigt sich der neue »Schöne Zeit«-Weißwein der Durbacher WG. Der Name ist Programm und steht für zeitlosen Genuss für jedes Alter – aus dem Herzen des Durbachtals.
  • 09.05.2019
    Experten von Steinhof Fitness in Oberkirch beraten
    80 Prozent der Deutschen haben Rückenschmerzen - viele sogar chronisch. Ursache dafür ist in den allermeisten Fällen eine mangelnde oder falsche Bewegung. Die Experten von Steinhof Fitness in Oberkirch zeigen, wie Rückenschmerzen künftig der Vergangenheit angehören können - und beraten kostenlos.
  • 07.05.2019
    Mitgliederversammlung
    Es war eine geheime Abstimmung beim SV Berghaupten. Doch danach stand fest: Die Führungsmannschaft bleibt bis 2021 im Amt. Robert Harter wurde erneut die SVB-Präsidentenwürde zuteil.  

Weitere Artikel aus der Kategorie: Wirtschaft

Für den VW-Konzern beginnt der Dieselabgasskandal nun auch in Deutschland teuer zu werden.
vor 7 Stunden
Dieselabgasskandal
Seit dem der Bundesgerichtshof in der juristischen Auseinandersetzung um den VW-Dieselabgaskandal in einem Hinweisbeschluss die Seite der Verbraucher gestärkt hat, verliert der Autobauer reihenweise Verfahren. Das Oberlandesgericht in Karlsruhe hat jetzt drei Autoneulieferungen ohne...
Laut US-Medien verhandeln die Autobauer Renault und Fiat Chrysler über eine engere Zusammenarbeit.
vor 16 Stunden
London/Boulogne-Billancourt
Die Autokonzerne Renault und Fiat Chrysler (FCA) verhandeln US-Medien zufolge über eine engere Zusammenarbeit.
«Ich kann mir vorstellen, dass Huawei in irgendeine Form eines Handelsabkommens einbezogen wird», sagt Trump.
24.05.2019
Washington
US-Präsident Donald Trump hat in Aussicht gestellt, den Streit um den Telekomausrüster Huawei in den Handelsgesprächen mit China zu lösen.
VW geht davon aus, dass rund zwei Jahre vor dem Oberlandesgericht Braunschweig und danach zwei weitere Jahre vor dem Bundesgerichtshof verhandelt wird.
24.05.2019
Braunschweig
Der Autobauer Volkswagen stellt sich nach der bundesweit ersten Musterfeststellungsklage im Diesel-Skandal auf einen langwierigen Prozess ein. Das Unternehmen rechne mit einer Verfahrensdauer von mindestens vier Jahren, sagte ein VW-Sprecher.
In deutschen Städten stehen Verleiher schon in den Startlöchern.
24.05.2019
Berlin
Die Hoffnung von Herstellern, Verleihern und Händlern hängt bei Marcel Hutfilz an einer Wand. Zusammengeklappt, mit zwei Rädern. E-Scooter - also Tretroller mit Elektro-Antrieb - hat der Ladenbesitzer in Berlin schon vor Jahren mit steigender Nachfrage verkauft.
Vapiano steckt tief in den roten Zahlen.
24.05.2019
Wirtschaft
Köln (dpa) - Die angeschlagene Kölner Restaurantkette Vapiano erhält die dringend benötigte Finanzspritze. Das Unternehmen hat nach eigenen Angaben die verbindlichen Kreditzusagen im Gesamtvolumen von rund 30 Millionen Euro erhalten. Das Geld komme von den finanzierenden Banken und den...
Ein Landwirt pflanzt Sojabohnen auf einem Feld. Mit einem milliardenschweren Hilfspaket will die US-Regierung amerikanische Bauern unterstützen, die unter dem Handelskrieg mit China leiden.
24.05.2019
Washington
Mit einem milliardenschweren Hilfspaket will die US-Regierung amerikanische Bauern unterstützen, die unter dem Handelskrieg mit China leiden.
Das Symbol eines Einkaufskorbs leuchtet auf einer Computertastatur. Die Verbraucherschutzminister der Länder planen höhere Hürden für die Eröffnung eines Online-Shops.
24.05.2019
Mainz/Stuttgart
Die Verbraucherschutzministerien der Länder wollen verstärkt gegen sogenannte Fake-Shops im Internet vorgehen. Nach Informationen von NDR und Süddeutscher Zeitung sprechen sie sich dafür aus, dass die Anmeldung von Internetseiten mit einer de-Domain künftig nur mit einer Identitätsprüfung möglich...
Nächstes Jahr wolle Audi 16 Hybrid- und Elektromodelle anbieten und ab 2025 jedes Jahr eine Million Elektroautos verkaufen, sagt Schot.
23.05.2019
Neckarsulm
Audi-Chef Bram Schot will die VW-Tochter vom Nachzügler zum Spitzenreiter bei Elektroautos machen. Nächstes Jahr wolle Audi 16 Hybrid- und Elektromodelle anbieten und ab 2025 jedes Jahr eine Million Elektroautos verkaufen, sagte Schot auf der Hauptversammlung der VW-Tochter in Neckarsulm.
Ende 2018 war bekanntgeworden, dass bei Nordzucker ein Sparkurs auch zu einem Stellenabbau vor allem in der Verwaltung führt.
23.05.2019
Braunschweig
Der weltweite Verfall des Zuckerpreises hat die Nordzucker-Gruppe in die roten Zahlen gedrückt. Für das abgelaufene Geschäftsjahr 2018/2019 (Ende Februar) verzeichnete der Konzern mit Hauptsitz in Braunschweig einen Verlust von 36 Millionen Euro.
Bosch ist in den VW-Skandal verstrickt, weil der Zulieferer die entsprechende Motorsteuerung geliefert hat, mit deren Software Volkswagen Diesel manipulierte.
23.05.2019
Stuttgart
Auch der Autozulieferer Bosch muss im Zuge des VW-Dieselskandals ein Bußgeld zahlen. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart hat dem Unternehmen eine Summe in Höhe von 90 Millionen Euro aufgebrummt. Das teilte die Behörde in Stuttgart mit.
Boeing hatte zuletzt mitgeteilt, die Entwicklung eines Updates für die Steuerungssoftware des Flugzeugs abgeschlossen zu haben.
23.05.2019
Washington
Die US-Luftaufsichtsbehörde FAA lässt offen, wann sie den umstrittenen Flieger 737 Max von Boeing wieder in die Luft lässt. Behördenchef Daniel Elwell erklärte, seine Technikexperten würden jeden Stein umdrehen.