Offenburg
Dossier: 

Stationärer Einzelhandel versus Online-Handel: Noch keine Kriegserklärung

Autor: 
Nikolas Sohn
Lesezeit 5 Minuten
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27. Oktober 2016

Der stationäre Einzelhandel – wie hier in Offenburg – hat es immer schwerer gegen die Onlinehändler. Die Händler vor Ort müssen umdenken, um am Markt bestehen zu können. ©Christoph Breithaupt

Anpassen heißt das Zauberwort, sich online präsentieren, dem Kundenwunsch nach bequemer Lieferung am selben Tage entsprechen. Wer das nicht macht, ist bald weg vom Fenster. So lauten die Prognosen für den inhabergeführten Einzelhandel. Dem Kunden ist’s egal, wo Jeans, Windeln oder Fotoapparat herkommen – sagen E-Commerce-Experten.

Für die Attraktivität einer Kommune ist der mittelständische stationäre Einzelhandel noch immer immens wichtig. Denn die Filialen großer Ketten wie H&M und New Yorker sind nicht unbedingt dafür bekannt, für eine heimelige Atmosphäre in Deutschlands Innenstädten zu sorgen. Eher entsteht ein Gefühl der Austauschbarkeit, wenn sich Ketten wie Fielmann und Apollo-Optik an den nächsten Ein-Euro-Shop reihen.

Überspitzt gesagt: War ich gerade in Worms, Offenbach oder Leverkusen? Und schöner essen geht ganz bestimmt in Bad Homburg oder Baden-Baden. Mit zunehmender Marktmacht von Online-Riesen wie Amazon droht die Verödung der Innenstädte umso mehr, so das gängige Horrorszenario.

Gleichwohl: Vernachlässigt ein Händler seinen Netz-Auftritt, wird er im Google-Zeitalter auch schlechter wahrgenommen. Jüngste Erfahrung aus dem Offline-Bereich gefällig? Nach halbstündiger Fahrt gestaltet sich der Besuch beim Ortenauer Fachhändler besonders frustrierend, wenn er seinen Urlaub erst an der Ladentüre ankündigt. Dann eben doch zu Ebay oder Amazon. Zwei, drei Tage später klingelt der Postbote mit der Ware.

Zarte Ansätze, den milliardenschweren Online-Konkurrenten um Amazon und Zalando die Stirn zu bieten.

Zarte Ansätze, den milliardenschweren Online-Konkurrenten Amazon, Zalando und Co. gemeinsam die Stirn zu bieten, gibt es im Südwesten in Heilbronn und Göppingen. Dort haben sich die Einzelhändler mit den Dienstleistern von Atalanda zusammengetan, die, bisher von großem medialen Tam-Tam begleitet, in der ganzen Republik lokale Online-Marktplätze etablieren wollen. 

In Göppingen möchten knapp 60 Einzelhändler mit intensiver Beratung und, sofern auf Lager, mit Lieferungen am selben Tag glänzen. Sie setzen auf den »Ro-Po«-Effekt (Research Online, Purchase Offline, auf deutsch online informieren, offline kaufen) in der 57 000-Einwohner-Stadt: »Wir haben seit ungefähr drei Jahren nach einer Möglichkeit gesucht, das Angebot der Stadt online abzubilden«, sagt Christina Geyer, verantwortlich fürs Projektmanagement beim Göppinger Schaufensterportal onlinecity.gp. Ein Stück weit sollte natürlich auch der eigene Claim abgesteckt werden.

Doch konkrete Erfolge vorzuweisen, ist seit Start des Göppinger Online-Marktplatzes im Oktober 2015 nicht einfach. »Das ist relativ schwer messbar, da nicht jeder, der sich bei uns informiert, auch automatisch ins Geschäft geht.« Einzelne Händler berichteten von erfolgtem »Ro-Po«-Geschäft. Auch mittels Klick-Statistik könne nur gemutmaßt werden, dass Kunden ernsthaft nach Artikeln in Göppingen suchten und dann in der Stadt einkauften, sagt Geyer. Größere Geschäfte mit eigenem Warenwirtschaftssystem hätten zudem einen deutlichen Vorteil gegenüber kleineren Händlern ohne. Letztere müssten mit ihren begrenzten Kapazitäten ihr Online-Angebot umso aufwendiger pflegen.

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Auch in der Ortenau kam es Mitte November 2015 zu einem Treffen mit Atalanda. Doch waren die Einzelhändler beim ersten Aufeinandertreffen unter all den Marketingleuten und Lokalbankern deutlich in der Minderheit. Eine Folgeveranstaltung mit rund 300 angedachten Gästen kam gar nicht erst zustande. 

War es mangelndes Interesse? Wohl auch waren es pragmatische Gründe, erinnert sich Atalanda-Geschäftsführer Roman Heimbold, der die Umsetzung des essenziellen Prinzips »Same-Day-Delivery« in der Ortenau für problematisch hält. »Eine Herausforderung war es, dass drei Händler in der einen Stadt und vier in der anderen ihr Geschäft haben. Ein Kurier wird keine 40 Kilometer freiwillig für ein paar Euro fahren«, sagt Heimbold.

Pläne, die einen übergreifenden Vorstoß in Richtung E-Commerce in der Ortenau erkennen lassen, sind noch recht jung. Die »E-Com Region Ortenau«, ein Netzwerk zur Förderung des Onlinehandels, das sich unter anderem aus der Wirtschaftsregion Offenburg/Ortenau (WRO) und der Volksbank in der Ortenau zusammensetzt, streift den stationären Kleinvertrieb allenfalls. Angebote hier: Infoveranstaltungen wie ein E-Commerce-Tag, Vorträge und nebenberufliche IHK-Fortbildungen zum E-Commerce-Manager oder gar ein Masterstudiengang an der Hochschule Offenburg, der zum Sommersemester 2016 startete.

Das Prinzip lokaler Online-Marktplätze kann aufgehen, nur eben nicht für alle gleichermaßen

Ein Blick auf die Homepage der »City-Partner Offenburg« – einem Atalanda-Marktplatz nicht unähnliches Portal – verrät eine umfangreiche Auflistung von Geschäften. Manko hier: Viele der 58 abgebildeten Händler weisen aktuell gerade einmal ihre Adresse und Telefonnummer aus. Und um einen »Ro-Po«-Effekt zu erzielen, so er denn gewünscht, fehlt es auf dieser Ebene schlicht an Produkt- oder Angebotspräsentationen. In Zeiten, in denen Toilettenpapier übers Netz bestellt wird, wirkt das nicht gerade wie eine Kriegserklärung an die Online-Konkurrenz. 

Und doch: Das Prinzip lokaler Online-Marktplätze kann aufgehen, nur eben nicht für alle gleichermaßen. Heimbold berichtet von Geschäftsleuten aus Wuppertal – ein Küchenstudio »mit sechsstelligem Plus« und ein Süßigkeitenladen. Beide hätten seit der gezielten Bespielung mehrerer Kanäle deutlich mehr in der Kasse – aber gerade nicht durch Online-Verkäufe.

»Richtig gute Händler, und das sind nicht unbedingt die großen, sondern auch die mit zwei, drei Mitarbeitern, fragen ihre Kunden: »Wie haben Sie uns denn gefunden?‹« Ein starkes Signal für den stationären Einzelhandel sieht Heimbold daher auch im Bestreben von Amazon, in den USA Hunderte stationäre Filialen im urbanen Raum zu gründen. »Das zeigt auch, dass es wichtig ist, eine lokale Präsenz zu haben. Jetzt brauchen die Stationären auch die Online-Komponente«, sagt der Atalanda-Geschäftsführer.

Hintergrund

Die übermächtige Konkurrenz im Netz

Der Online-Handel boomt. Und die Einkaufsstraßen vor allem in kleinen und mittleren Städten leiden darunter. Denn immer weniger Kunden machen sich noch auf den Weg in die Innenstädte. Die drei größten Online-Händler Amazon, Otto und Zalando verbuchten 2015 in Deutschland zusammen mehr als elf Milliarden Euro Umsatz. »Der stationäre Handel wird bis 2020 wahrscheinlich 20 bis 40 Milliarden Euro an Umsatz an die Online-Konkurrenz verlieren«, heißt es aus dem Kölner Institut für Handelsforschung (IFH). »Schon heute sind Leerstandsquoten von 40 Prozent in Klein- und Mittelstädten keine Ausnahme mehr«, sagt Hochschul-Experte Gerrit Heinemann. 
Der Online-Handel verzeichnet laut E-Commerce-Verband BEVH weiterhin zweistellige Wachstumsraten. Die Multichannel-Anbieter, also Händler, die Internet und stationäre Angebote verbinden, legten im ersten Halbjahr 2016 um gut zehn Prozent zu, die Online-Marktplätze um gut sieben Prozent. Hinzu kommt die demografische Entwicklung und der damit einhergehende Rückgang der Bevölkerung in vielen Regionen. Ebenfalls interessant: Zum Anteil der gelegentlichen oder regelmäßigen Online-Nutzer, der aktuell bei rund 58 Millionen Menschen liegt, kamen einer Online-Studie von ARD und ZDF zufolge in der ersten Jahreshälfte noch einmal zwei Millionen Menschen – vor allem Ältere haben das Medium für sich entdeckt. Dagegen klagen innerstädtische Geschäfte über sinkende Kundenzahlen. Im stationären Modehandel sanken die Umsätze im ersten Halbjahr trotz der eigentlich überbordenden Kauflust der Bundesbürger um ein Prozent, wie das Fachblatt »Textilwirtschaft« ermittelte. »Wir hatten mehr erhofft, aber die Kunden bleiben einfach weg«, zitierte das Fachblatt einen bayerischen Händler. Zurzeit versuchen die Internethändler einen der letzten verbliebenen Vorteile des stationären Handels – die sofortige Verfügbarkeit der Ware – zu kopieren, indem sie in immer mehr Städten die Belieferung noch am Tag der Bestellung anbieten.soh/dpa

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