Serie "Arbeitsmarkt ohne Grenzen"

»Wir leisten Pionierarbeit«

Autor: 
Reinhard Reck
Lesezeit 4 Minuten
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28. Februar 2017

(Bild 1/2) In diesem markanten Glasgebäude am Kehler Bahnhof – in Sichtweite des Rheins – ist die binationale Servicestelle für grenzüberschreitende Arbeitsvermittlung angesiedelt. ©Agentur für Arbeit/Michael Bode

Die Kehler Servicestelle für grenzüberschreitende Arbeitsvermittlung ist eine Anlaufstelle für alle, die einen Job im Nachbarland suchen. Im dritten Teil unserer Serie stehen die sechs deutschen und französischen Kolleginnen im Vordergrund, die in der binationalen Einrichtung Hilfestellung geben und beraten.
 

Kehl. Sieben Personen warten vor dem Tresen im Eingangsfoyer. Geduldig gibt Stefanie Fink in der Kehler Servicestelle für grenzüberschreitende Arbeitsvermittlung den Franzosen, die in der Ortenau beruflich tätig werden wollen, Informationen. »On aura besoin d’une attestation de salaire de votre ancien employeur« (Wir benötigen eine Gehaltsbescheinigung von Ihrem früheren Arbeitgeber), sagt Fink, die den Empfang in der binationalen Einrichtung managt. Gleich darauf ein abrupter Sprachwechsel: »Ich bräuchte noch das Merkblatt für die Sprachkurse«, ruft sie zwischendurch auf Deutsch einer vorbeieilenden Ortenauer Kollegin zu.
Grenzüberschreitender Alltag in der bundesweit bislang einmaligen Einrichtung, die in dem markanten Glasbau beim Kehler Bahnhof angesiedelt ist: Zwei Sprachen, zwei Kulturen, zwei unterschiedliche Arbeitsweisen.  Die sechs deutschen und französischen Kolleginnen haben nicht nur ihren Auftrag zur Arbeitsvermittlung in beide Länder zu erfüllen. Sie müssen sich auch als Team zusammenfinden und an einem Strang ziehen. 
Vor vier Jahren wurde der Service von der damaligen Arbeitsministerin Ursula von der Leyen und ihrem französischen Pendant Michel Sapin eingeweiht. Mittlerweile hat sich ein hohes Maß an Professionalität entwickelt. Und die Mitarbeiterinnen sehen ihren Job trotz aller notwendigen Anpassung als Chance – für die Arbeitssuchenden und die Arbeitgeber in der Grenzregion.
»Ich habe mich von Anfang an für dieses Projekt interessiert, es war eine große Herausforderung für mich«, sagt Petra Schmidt, die deutsche Projektkoordinatorin. »Hier bietet sich die Möglichkeit, Pionierarbeit zu leisten«, fügt sie hinzu, während sie aus dem Fenster ihres Büros auf die neue Trambrücke zwischen Kehl und Straßburg blickt. »Spannend ist die interkulturelle Herausforderung und dabei mit den Kolleginnen aus dem Nachbarland für ein gemeinsames Ziel zu arbeiten.«
Schmidt verhehlt nicht, dass zu Beginn in der Servicestelle nicht immer alles rund gelaufen ist und dass man sich erst aneinander gewöhnen musste. »Schon die Rahmen- und Arbeitsbedingungen sind teilweise recht unterschiedlich. Hier ist ein hoher Abstimmungsbedarf erforderlich. So gibt es in Frankreich andere Ferientermine und manchmal andere Feiertage als bei uns«. Auch die Arbeitsabläufe seien nicht immer gleich –  es werde außerdem viel mehr per SMS und E-Mail mit den Arbeitsplatzbewerbern kommuniziert als in Deutschland.
Auch bei der EDV fehlt hin und wieder noch der grenzüberschreitende Brückenschlag. Das war eine große Herausforderung. Inzwischen aber können deutsche und französische Mitarbeiterinnen jeweils auf beide Systeme zugreifen. Um den Kontakt in der binationalen Gruppe zu stärken, wird viel getan. Beispielsweise finden Teamtage statt. »Wir haben auch schon interkulturelle Workshops besucht und führen dies in eigenen Workshops regelmäßig fort«, so Petra Schmidt.
Zunächst waren auch Sprachkurse für die Mitarbeiterinnen angesagt – mit dem Ziel, dass jeder in seiner Sprache sprechen kann und der andere ihn versteht. Das klappt mittlerweile sehr gut. 
Auch die übrigen Kolleginnen sind angetan. »Ich erlebe täglich zwei Sprachen und Kulturen und kann auch noch Leuten helfen«, sagt die Arbeitsvermittlerin Amélie Clément aus Straßburg. »Dieses Projekt ist einzigartig, und wir müssen viel Pionierarbeit leisten«, so Jacqueline Winterhalder. Sie habe ihre Entscheidung, in Kehl zu arbeiten, nie bereut. »Mich reizt die Möglichkeit, die Menschen aus unserem Nachbarland von einer völlig neuen Seite zu entdecken – sowohl als Kunden, aber auch als Kollegen«, so die deutsche Arbeitsvermittlerin Elke Phillips.
Das Team hat sein Tätigkeitsfeld erweitert. Zusätzlich zur Arbeitsvermittlung werden Workshops und Qualifizierungen organisiert. Die Mitarbeiterinnen der Servicestelle laden Arbeitgeber bei hohem Personalbedarf zu Jobdatings nach Frankreich ein und geben Auskünfte über grenzüberschreitende Fördermöglichkeiten.  »Unser Ziel ist,  Arbeitsuchenden und Arbeitgebern über die Landesgrenze hinweg ein passgenaues Angebot zu vermitteln«, so Petra Schmidt.  Seit Eröffnung des »Service für Grenzüberschreitende Arbeitsvermittlung Strasbourg – Ortenau«  am 26. Februar 2013 haben 1245 Menschen mit Unterstützung der Einrichtung einen Arbeitsplatz gefunden. 2016 wurden 882 Personen beraten und 154 Teilnehmer in Sprachkursen gefördert.

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