Serie »Arbeitsmarkt ohne Grenzen«

Wie sich Ortenau und Elsass auf dem Arbeitsmarkt ergänzen

Autor: 
Reinhard Reck
Lesezeit 7 Minuten
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14. Februar 2017
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Ivane Squelbut und Horst Sahrbacher beim Interview: doppelt so viele Berufsmöglichkeiten mit Kenntnis der Sprache des Nachbarlands. ©Agentur für Arbeit Offenburg/Michael Bode

Vor vier Jahren wurde die Servicestelle für grenzüberschreitende Arbeitsvermittlung in Kehl eröffnet. Aus Anlass dieses Jahrestags beginnen wir mit der Serie »Arbeitsmarkt ohne Grenzen«. Heute: ein Interview mit Ivane Squelbut, Leiterin der französischen Arbeitsvermittlung Pôle Emploi im Département Bas-Rhin, und Horst Sahrbacher, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Offenburg.
 

In Frankreich ist die Arbeitslosenquote mit etwa 10 Prozent fast doppelt so hoch wie in Deutschland. In der Ortenau liegt die Quote sogar nur bei 3,2 Prozent. Ist dieser Gegensatz bei Ihrer Zusammenarbeit ein Hindernis oder eine Chance?
Horst Sahrbacher: Das ist für uns eine große Chance. Wir haben in der Ortenau nahezu Vollbeschäftigung. Oft finden die Firmen nicht ausreichend Fachkräfte. Wir bieten Menschen im Elsass, die eine Arbeit suchen, auch auf deutscher Seite einen Arbeitsplatz an. Genau diesen Ansatz hat die Arbeitsvermittlung in Kehl, die wir mit dem französischen Pôle Emploi seit 2013 in Kehl betreiben. Wir suchen gemeinsam Arbeitsstellen im Grenzgebiet. Aufgrund der wirtschaftlichen Lage suchen derzeit eher Franzosen auf deutscher Seite einen Job als umgekehrt. Aber unsere Kooperation war von Anfang an für beide Seiten ausgerichtet. Wir haben natürlich auch die Ortenauer Arbeitgeber im Blick, um ihnen zu verdeutlichen, dass es zum Beispiel unterschiedliche Arten für die Bewerbung und andere Eigenheiten sowie Traditionen in beiden Ländern gibt. 
Ivane Squelbut: Trotz aller Probleme bieten sich im Raum Straßburg/Ortenau viele Chancen. Wir haben ein großes Potenzial an sehr qualifizierten Menschen und auf der anderen Seite – sowohl in Frankreich als auch in Deutschland – viele Arbeitsplatzangebote. Mit dem grenzüberschreitenden Vermittlungsteam in Kehl können wir jeden Tag die Chance nutzen, Arbeitssuchenden auf beiden Seiten des Rheins eine Perspektive zu bieten. Allerdings müssen wir diesen Service noch bekannter machen.

Immer weniger junge Deutsche lernen Französisch, und immer weniger junge Franzosen Deutsch. Können Sie diese Entwicklung bremsen?
Squelbut: Wir müssen in der Tat dafür werben, dass die Sprache des Nachbarlands wieder mehr gelernt wird. Denn das ist die Basis für die Aufnahme einer beruflichen Tätigkeit oder einer Ausbildung dort. Allerdings muss man nicht sofort perfekt Deutsch sprechen, wenn man in der Ortenau arbeiten will. Herr Sahrbacher mit seinem Team und wir vom Pôle Emploi bieten Deutschkurse und andere Qualifizierungsmaßnahmen in der Kehler Vermittlungsstelle an. Es gibt also viele Fördermöglichkeiten für Interessierte.

 
Haben denn die Franzosen ein Interesse an derartigen Weiterbildungen?
Squelbut: Die Leute brauchen konkrete Ziele und Angebote. Wenn ein Deutschkurs dazu dient, einen Job zu finden, dann gibt es schon eine Reihe von Interessenten. Wir haben durchaus Erfolge zu verzeichnen. So gab es Jugendliche, die in der Schule nur sehr rudimentäre Deutschkenntnisse erworben hatten. Aber dank unserer Qualifizierungsmaßnahmen konnten sie erhebliche Fortschritte erzielen und einen Job auf deutscher Seite finden. Man muss sich trauen! Wenn man zwei Sprachen spricht, hat man doppelt so hohe Chancen, einen attraktiven Arbeitsplatz zu finden. 

Können Sie das bestätigen, Herr Sahrbacher?
Sahrbacher: Auf jeden Fall! Man muss allerdings bei den Weiterbildungsbemühen individuell genau herauskristallisieren, wie hoch die sprachlichen Hürden sind und welchen Beruf der Bewerber ergreifen will, um ein möglichst passgenaues Angebot zu machen. Man braucht nicht in jedem Beruf bei uns perfekte Deutschkenntnisse. Öfters reichen ja schon die Beherrschung bestimmter Fachbegriffe und das Vermögen, Gesprächen folgen zu können. Wenn das Interesse an einem Arbeitsplatz im Nachbarland besteht, dann mangelt es nie an Qualifizierungsmöglichkeiten!
Squelbut: Wir haben für alle Leute, die jenseits des Rheins Arbeit finden wollten, entsprechende Qualifizierungsangebote gefunden und auf französischer Seite etwa 200 Weiterbildungsplätze geschaffen, um die Deutschkenntnisse von Elsässern zu verbessern. Neben dem Pôle Emploi ist auch die französische Ostregion Grand Est als Finanzierer mit im Boot.

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Wollen viele Franzosen in Deutschland arbeiten? Eine Zeit lang ließ das Interesse nach.
Squelbut: Es ist auf jeden Fall ein Interesse da. Wir hatten 2016 immerhin 400 Integrationen ins Berufsleben bei der Kehler Einrichtung zur grenzüberschreitenden Arbeitsvermittlung – rund 60 Prozent davon nach Deutschland.
Sahrbacher: Das zunehmende Interesse von Elsässern an einem Arbeitsplatz in der Ortenau zeigen die Zahlen. So gibt es, was das Zuständigkeitsgebiet der Agentur für Arbeit Offenburg betrifft, seit 2013 eine deutliche Steigerung bei der Zahl der neuen Arbeitsverträge. Waren es vor vier Jahren noch knapp 1600, so stieg diese Zahl in der Ortenau  bis 2015 auf 2138. In allen anderen Grenzgebieten am Oberrhein – von Karlsruhe/Rastatt bis Lörrach – sind die Zahlen jedoch deutlich geringer.

 
Derzeit sind es vor allem Menschen aus dem Elsass, die auf deutscher Seite eine Arbeitsstelle suchen. Wann ist es für Ortenauer interessant, in Frankreich beruflich tätig zu werden?
Sahrbacher: Es bewerben sich viele Leute für eine Tätigkeit in den europäischen Institutionen, die in Straßburg angesiedelt sind. So konnten wir eine ganze Reihe von Interessenten an das Europäische Parlament vermitteln. Ferner suchen manche Deutsche eine ganz spezielle Ausbildung beispielsweise als Koch oder in einer Patisserie. 
Squelbut: International tätige Konzerne, die auf beiden Seiten des Rheins hier im Grenzgebiet angesiedelt sind, interessieren sich für Arbeitsplatzbewerber aus beiden Ländern. Sie haben junge Franzosen, die in Deutschland arbeiten und sehr gut Deutsch sprechen, die helfen, die Produkte auf dem französischen Markt zu platzieren. Entsprechend ist es mit Deutschen, die in Frankreich tätig sind.  

Es gibt nur wenige Berufsabschlüsse, die sowohl in Deutschland als auch in Frankreich anerkannt werden. Welche Maßnahmen kann man da ergreifen?
Sahrbacher: Tatsächlich gibt es im Ausbildungssystem zwischen beiden Ländern große Unterschiede, bei der Schaffung von gemeinsamen Abschlüssen stehen wir erst am Anfang. Aber wir können vor Ort in Zusammenarbeit mit den Unternehmen viele Probleme lösen. So haben die Badischen Stahlwerke in Kehl jemanden gesucht, der Baumaschinenfahrzeuge steuern kann. Es gibt dafür eine deutsche Ausbildung, die Sie in Frankreich so nicht finden. Aber Sie finden dort Leute, die einen Lkw-Führerschein haben und für den Umgang mit Baumaschinen geschult werden können. In solchen Fällen hat das Unternehmen die Kandidaten selbst qualifiziert. Wir beraten die Firmen bei der Auswahl der Kandidaten und unterstützen finanziell solche Weiterbildungsmaßnahmen. Allerdings  habe ich ein anderes Anliegen:  Wir müssen den grenzüberschreitenden Nahverkehr verbessern.

Frau Squelbut, Sie begleiten Franzosen, die in Deutschland arbeiten. Haben Sie es erlebt, dass solche Leute scheitern und wieder abspringen?
Squelbut: Mir ist kein  derartiger Fall bekannt. Wichtig ist besonders, dass die Franzosen die erste Phase der Integration in ein deutsches Unternehmen gut bewältigen. Es ist normal, dass diese Menschen zunächst etwas Angst haben. Es ist ein neues Umfeld, eine neue Sprache. Aber wenn die erste Phase überwunden ist, zeigen sich die Betroffenen zufrieden. Man muss dazu auch sagen, dass die Unternehmen ihrerseits sehr viel dafür tun, um die Integration der Neuanfänger aus dem Nachbarland zu erleichtern.  

Letzte Frage an Sie beide: Welchen Rat würden Sie einem Arbeitslosen geben, der im Nachbarland einen Job sucht, und einem Unternehmer, der einen Bewerber von jenseits des Rheins einstellen möchte?
Squelbut: Ich möchte etwas sagen, was beide betrifft: Sie haben das Glück, in einem Grenzgebiet zu leben. Wagen Sie etwas Neues! 
Sahrbacher: Ich würde beiden sagen: Seien Sie offen für Neues! Erkennen Sie die Chancen, und akzeptieren Sie, dass im Nachbarland vieles anders ist, aber nicht besser oder schlechter, sondern einfach anders. Wenn sich die Arbeitnehmer und die Arbeitgeber darauf einlassen, dann gibt es ganz viel Unterstützung, die wir von den Arbeitsverwaltungen leisten können. 

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