Letzte Folge von „Unter Verdacht“

Zwei Cops in der Krise

Autor: 
Thomas Klingenmaier
Lesezeit 4 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
26. März 2020
Zum letzten Mal ein Team: Senta Berger und Rudolf Krause

(Bild 1/16) Zum letzten Mal ein Team: Senta Berger und Rudolf Krause ©Foto: ZDF//Raymond Roemke

Die ZDF-Krimireihe „Unter Verdacht“ mit Senta Berger als interner Ermittlerin geht mit der dreißigsten Folge zu Ende. Es wird kein heiterer Abschied. In „Evas letzter Gang“ wird eine ganze Lebensleistung infrage gestellt.

Stuttgart - Schlimm hatte sie sich das fraglos vorgestellt. Aber die launige Würdigungsrede des Vorgesetzten zu ihrem Abschied widert die Polizistin Eva Maria Prohacek (Senta Berger) dann noch viel mehr an als erwartet. In „Evas letzter Gang“, der Abschlussfolge der im Jahr 2002 gestarteten Krimireihe „Unter Verdacht“, gehen nicht einfach die üblichen Reibereien zwischen der internen Ermittlerin Prohacek, ihren Kollegen und der Hierarchie in eine letzte Runde. Hier wird vielmehr radikal infrage gestellt, was man in vielen der vorigen Folgen gesehen hat – beziehungsweise, wie man Figuren und Geschehnisse gedeutet hat.

Das, was interne Ermittler so isoliert, der Zwang, ihren Polizeikollegen zu misstrauen, jeden noch so alltäglichen Umgang als Sammeln von Informationen unter Vorbehalt der Neubewertung zu betrachten, wird hier auf bitterste Weise beglaubigt. Pohacek hätte noch viel misstrauischer sein müssen.

Kein normales Seniorenmodell

Senta Berger, die eine noch Berufstätige in einem Hochstressjob porträtiert, ist 78 Jahre alt. An diesem Beispiel müsste man also das Problem eines seniorenorientierten öffentlich-rechtlichen Fernsehens demonstrieren können, das es mit dem Trost für seine Zielgruppe arg übertreibt. Nicht nur produziert es massenhaft Serien und Filme, in denen eine voll aktive Großelterngeneration bestens in Großfamilien und Gemeinschaften integriert ist und letztlich die entscheidenden Fäden zieht. Es lässt gerade im Krimi gern jenseits aller Pensionsgrenzen agierende Veteranen den Jüngeren zeigen, wie es wirklich geht. Aber ausgerechnet an „Unter Verdacht“ kann man diese Kritik nicht festmachen.

- Anzeige -

Denn so, wie Berger ihre Prohacek spielt, wirkt diese Figur keinesfalls nur gerade eben noch als Diensttuende vorstellbar. Obwohl die Kamera in „Evas letzter Gang“ die Fältchen deutlich zeigt, könnte Prohacek sogar noch ein paar Jahre bis zur Pensionierung haben: bedacht, aber auf coole Weise energisch, durchaus verschlossen, aber immer aufmerksam und wach. Senta Berger selbst aber wollte trotz dieses erstaunlichen Auftretens nun Schluss machen. Sie sah die Glaubwürdigkeit ihrer Rolle in akuter Gefahr. Bei so einer souveränen Entscheidung hätte man eine besonders nette, gefühlige, versöhnliche Abschiedsfolge erwarten – oder befürchten – dürfen.

In neuem Licht

Stattdessen geht es ans Eingemachte. Auch Prohaceks direkter Mitarbeiter André Langner (Rudolf Krause) stürzt in die Sinnkrise, kommt an seine Grenzen, weint, zerschlägt seine Tastatur, muss sich fragen, wem und was er da eigentlich sein Leben gewidmet hat. „Evas letzter Gang“ knüpft an den allerersten Fall der Reihe an und stellt das damalige Geschehen in ein ganz neues Licht.

Der Regisseur Andreas Herzog sowie das Drehbuchteam Stefan Holtz und Florian Iwersen ziehen sich merklich selbst die Zügel an, um nicht in die tiefste Dunkelheit des Pessimismus zu galoppieren. Die Bilder sind entschieden lichter als das Geschehen, und immer wieder mal dreht sich die Handlung so in sich selbst zurück, dass doch ein bisschen Stabilität um Prohacek und Langner herum zu existieren scheint. Diese Folge deutet zwar an, der Polizeiapparat könnte selbst genau so vom Verbrechen durchzogen sein wie der Rest der Gesellschaft, also nicht nur in seltenen Ausnahmefällen davon berührt. Aber die letzte Konsequenz scheut das Drehbuch dann doch. Prohacek kann ein letztes Mal zumindest punktuell ihr Gerechtigkeitsempfinden durchsetzen.

Ausstrahlung: ZDF, Samstag, 20.15 Uhr. Die Debütfolge „Verdecktes Spiel“, auf die sich der aktuelle Fall bezieht, wird in der Nacht auf Samstag um 1.05 Uhr noch einmal gezeigt. Bequemer ist sie in der ZDF-Mediathek abrufbar, ab 27. März, 10 Uhr.

Weitere Artikel aus der Kategorie: Kultur

vor 4 Stunden
Kunst und Krisen - Fragen an Ortenauer Künstler
Wie gehen Künstler mit einer Krise um? Was beschäftigt sie? Der Maler Werner Schmidt, der Musiker  Gerhard Möhringer-Gross und der Autor Karlheinz Kluge zeigen ihre Sicht der Dinge auf.
vor 5 Stunden
Kommen die Liedermacher wieder?
Die deutsche Teilung in Ost-DDR und West-BRD wurde 1989 nach vier Jahrzehnten beendet. Doch eigentlich hatte die DDR bereits am 13. November 1976 ihren Krieg gegen Menschenrechte und bürgerliche Freiheit verloren. Der Staat unterlag einem Mann, der nur mit frecher Schnauze und klassischer Gitarre...
05.04.2020
"Lieferservice" vom Theater Baal novo
Die Ensemble-Mitglieder von Baal novo sind seit Montag mit Lesungen unterwegs: Boccaccios Decamerone oder Texte von Ringelnatz. Intendant Edzard Schoppmann freut sich über die Resonanz.
05.04.2020
Kommen die Liedermacher wieder?
Liedermacher galten einst als die Poeten und Philosophen des Pop. Das politische Lied könnte nun ein fulminantes Comeback erleben. Ein Streifzug durch die Musikgeschichte (Teil 3).
Kultmusiker und Literat: Bob Dylan 2001 beim Roskilde Festival in Dänemark.
05.04.2020
Kommen die Liedermacher wieder (Folge 2)
Liedermacher galten einst als die Poeten und Philosophen des Pop. Die Singer/Songwriter schrieben internationale Kulturgeschichte. Das politische Lied könnte nun ein fulminantes Comeback erleben. Ein Streifzug durch die Musikgeschichte. 
Pionier und Avantgardist: Sänger und Songschreiber Pete Seeger (1919-2014).
03.04.2020
Kommen die Liedermacher wieder (Folge 1)
Liedermacher galten einst als die Poeten und Philosophen des Pop. Die Singer/Songwriter schrieben internationale Kulturgeschichte. Das politische Lied könnte nun ein fulminantes Comeback erleben. Ein Streifzug durch die Musikgeschichte. 
Dietrich Mack.
02.04.2020
Kulturkolumne
Wenn die reale Welt eingeschränkt ist, bekommt die Virtuelle eine neue Bedeutung. Internetplattformen werden zu wirklich sozialen Medien, die Zahl der Home-Angebote wird immer größer. Unser Kolumnist sieht in der Krise nicht nur Helfer und Retter, sondern auch falsche Propheten und Betrüger.
31.03.2020
Interview: Jose F. A. Oliver sprach mit Mikael Vogel
Für den Lyriker Mikael Vogel ist die aktuelle Pandemie kein Schock, sagt er. Zu „Dodos auf der Flucht“ hat er sich mit Viren und dem Verhältnis des Menschen zum Tier befasst. Der vorjährige Hausacher Stadtschreiber wäre beim Offenburger Literaturfest „Wortspiel“ Gast des Lyrikers Jose F. A. Oliver...
29.03.2020
"Theater auf Bestellung" von Baal novo
Das Theater Baal novo bietet „Fünf-Minuten-Geschichten“ im Treppenhaus und vor dem Fenster. Für Edzard Schoppmann ist „Theater auf Bestellung“ eine wichtige Aufgabe.  
Jürgen Stark.
26.03.2020
Kulturkolumne
Der letzte Walzer. Eben noch Bühne, Publikum, Applaus. Dann der „final curtain“, wie ihn bereits Frankieboy Sinatra in „I did it my way“ besang. Der letzte Vorhang fällt. Diese schmerzliche Erfahrung müssen in der Coronakrise vor allem die Bühnenkünstler machen.
22.03.2020
Geschichtsträchtiger Straßburger Konzertsaal wird renoviert
Vor den Baufortschritt haben die Götter Archäologen und Kulturhüter gesetzt. So sollte das Straßburger Sängerhaus in diesem Jahr mit Musik des Jubilars Beethoven und der elsässischen Musikerin­ Marie Jaëll wiedereröffnet werden. Aber daraus wurde nichts.
Ursprünglich war das Sängerhaus als freistehendes Gebäude geplant (oben). Auf der Skizze der Innenansicht fallen besonders die mit Stuck verzierten Kapitele der Säulen auf den Seitenemporen ins Auge.
22.03.2020
Geschichtsträchtiger Straßburger Konzertsaal wird renoviert
Vor den Baufortschritt haben die Götter Archäologen und Kulturhüter gesetzt. So sollte das Straßburger Sängerhaus in diesem Jahr mit Musik des Jubilars Beethoven und der elsässischen Musikerin­ Marie Jaëll wiedereröffnet werden. Aber daraus wurde nichts.

Das könnte Sie auch interessieren

- Anzeige -
  • 19.03.2020
    Neuer Service: Alles, was die Karte bietet, kann ab sofort abgeholt oder geliefert werden
    Mitten im Herzen Gengenbachs lädt das italienische Lokal „Michelangelo“ seit elf Jahren zum Genießen ein. Das bleibt auch weiterhin so, denn ab sofort werden Gerichte und Eisspezialitäten entweder geliefert, oder die Kunden holen ihre Bestellungen vor Ort ab.
  • Pizza, Salat oder Pasta - alles wird frisch zubereitet.
    19.03.2020
    Das mediterrane Restaurant in Hohberg
    Gerade in diesen turbulenten Tagen will das Team des mediterranen Restaurants Casamore in Hohberg für seine Gäste auch weiterhin da sein. Zu diesem Zweck wurde ab sofort ein besonderer Service eingerichtet und das „to go“-Angebot erweitert. Fast alle Gerichte auf der Speisekarte können nun auch...
  • Leckere Pizzavariationen, Salate und Getränke werden ab sofort geliefert oder können auch nach der Bestellung selbst abgeholt werden..
    18.03.2020
    "Wenn die Gäste uns nicht besuchen können, kommen unsere Spezialitäten zu ihnen"
    „Wenn die Gäste in nächster Zeit durch die Coronavirus-Pandemie nur eingeschränkt zu uns kommen dürfen, dann kommen unsere Spezialitäten eben zu Ihnen“, erklären Sülo und Aslan Keles, Inhaber der bekannten Ruster Pizzeria „Garibaldi“, mit Nachdruck. Ab sofort kann telefonisch und online bestellt...
  • a2 Unikat hat alles, was das Leben und Wohnen noch schöner macht.
    11.03.2020
    a2 Unikat: Ihr Partner rund um Gartendeko und mehr
    Frühlingszeit – eine wunderbare Zeit, es sich in Heim und Garten besonders schön zu machen. Wer dafür pfiffige und individuelle Gestaltungsideen sucht, ist bei a2 Unikat in Oberwolfach genau richtig.